Fragt man die Leute, was ein Schelmenroman ist, halten die meisten ihn für eine Sammlung lustiger Späße und Streiche. Tatsächlich ist der Schelmenroman eine ernste Sache.
Trotzdem lachen?
Der Schelmenroman, der Krieg und die Armut
„Die Welt ist nicht genug – Non sufficit orbis“ war der Leitspruch Philipps II. von Spanien, der eine erstaunliche Bilanz als Dieb, Mörder, Ausbeuter, Unterdrücker, Verschwender und am Ende gescheiterter Bankrotteur vorzuweisen hatte. Schäferidylle und Ritterstolz sind die literarischen Lieblingsgenres dieser Zeit, bis 1554 eine gänzlich andere Figur erscheint.
Der Lazarillo ist ein Vorläufer des weitaus berühmteren, bedauernswerten Don Quixote (1605 und 1615), der Ritterroman und Wahrheit miteinander verwechselt und so zur lächerlichen Figur wird.
Lazarillo ist etwas anderes. Er erzählt die Geschichte einer verhungernden Familie, die kaum die Kraft zu überleben hat und von Folter, Vertreibung und Tod bedroht ist. Im vermeintlich lichtdurchfluteten Europa der Renaissance bilden Armut und Hunger soziale Verwerfungen unbeschreiblichen Ausmaßes. Pierre de l’Estoile berichtet von Menschenmassen in Paris, die nur noch Bilder des Todes sind. Papst Sixtus V. beklagt sich über das Wehgeschrei der Bettler in Rom, die wie rohe Bestien umherzögen und nicht einmal die Kirchen mit ihrem Klagen verschonten.
Der fromme Adel lebt von Ausbeutung, Diebstahl und Landraub; die christlichen Erlösungsverkünder segnen und lesen Messen für ihre Herren. Verhungernde und kranke Menschen strömen in Massen in die Städte, nachdem sie ihres Eigentums und ihres Lebensunterhalts beraubt worden waren. Die „Lösung“ sind Dekrete zur Vertreibung der Armen, Bettelei und Landstreicherei werden unter Strafe gestellt.
Der Lazarillo ist eine Art Autobiografie eines dieser verhungernden Bettler. Er quittiert die Schäferidyllen, Ritterromane und die Heuchelei der frommen Christen mit beißendem Sarkasmus.
Der Picaro
Mit dem Lazarillo, dem Werk eines unbekannten Verfassers, kommt der Picaro in die Welt und zieht durch ganz Europa. Die erste englische Übersetzung des Lazarillo kommt 1568 heraus. In der Folge erscheinen zahlreiche „Jest Books“, zumeist anonyme Sammlungen von Schwänken und Streichen. Als erster englischer Schelmenroman gilt jedoch „The Unfortunate Traveller“ von Thomas Nashe, erschienen 1594. Wie schon in der zuvor erschienenen „Anatomy of Absurdity“ geht es um die Enthüllung zeitgenössischer Missstände. Der Ich-Erzähler, der mittellose Pierce Penniless, sieht sich gezwungen, den Teufel um finanzielle Unterstützung zu bitten, was er mit einer Klage gegen Geiz, Habsucht und andere Todsünden verbindet.
Ein paar Jahrzehnte zuvor, 1566, hatte Thomas Harman „A Caveat for Common Cursitors“, als „Enthüllung“ über das geheime Leben der Gauner und Diebe herausgebracht. Die Rogue Literature zeichnet die Welt der Armen als Nation in der Nation, ihre Bewohner bösartig und heimlich reich und Meister der Täuschung, in geheimer Sprache Missetaten verabredend, so dass das gaffende Publikum sich wohlig gruseln kann, moralisch auf der sicheren Seite ist und sich niemand mehr um die Probleme der Armen kümmern muss.
Tatsächlich sind diese moralisch Hochbegabten sichtbar umgeben von bitterster Armut. Verhungernde Menschen betteln in den Straßen oder ziehen von Gemeinde zu Gemeinde, um bezahlte Arbeit zu finden. Die Regierung ihrer allerchristlichsten Majestät Elisabeth I. findet eine ähnliche Lösung wie der Kollege in Spanien. Die Armut wird auf unvorstellbar brutale Art kriminalisiert, Landstreicherei und „Herumlungern“ (oder was man dafür hält) werden mit dem Tode bestraft. Bücher wie die von Harman helfen, Stimmung zu machen. Natürlich enthüllen sie mitnichten eine geheime Welt. Sie erfinden eine und kostümieren die Armut als Spektakel für die Selbstgerechten. (Am Rande: Harmans Buch wird hier und da bis heute als herausragendes Werk früher Soziologie gelobt. Ein Schelm, wer Parallelen zu heutiger Berichterstattung sieht.)
Kein Wunder, dass der arme Pierce Penniless sich in seiner Not an den Teufel wendet.
Hierzulande
Eulenspiegel und Simplicissimus sind hierzulande sicher bekannter als Lazarillo, Pierce Penniless oder – das französische Beispiel – François Rabelais’ „Gargantua et Pantagruel“, das wie der Don Quixote den Ritterroman karikiert. Auch sie sind satirische Sittengemälde und Typenrevuen, auch sie nehmen die Missstände ihrer Zeit aufs Korn.
Der Eulenspiegel erscheint 1510 und wird schnell zum Bestseller. Der Witz des anarchischen Schalks liegt darin, Metaphern wörtlich zu nehmen. Eulenspiegel hat es besonders auf Magistrate, Pfaffen und Gelehrte abgesehen. Und was könnte besser geeignet sein, ihre Heuchelei und Anmaßung zu offenbaren, als ihre Reden wörtlich zu nehmen und so vom Kopf auf die Füße zu stellen? Einmal gibt Eulenspiegel sich als großen Gelehrten aus, ein anderes Mal als Doktor, schafft so eine verkehrte Welt, in der der Schelm immer die Oberhand behält und die „feinen Leute“ und die „klugen Köpfe“ am Ende die Deppen sind.
Reichlich später, nämlich 1668, betritt Simplicius Simplicissimus die Bühne. Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen schickt den Vaganten und „Leutbetrüger“ in die Hölle des Dreißigjährigen Krieges. Als zehnjähriges Kind muss er mit ansehen, wie eine Horde Soldaten ins Dorf einfällt, Frauen vergewaltigt, Männer ermordet und Höfe niederbrennt. Das Kind flieht zu einem frommen Einsiedler, der ihm den Namen Simplicius gibt und zu christlicher Frömmigkeit erzieht. Nach dem Tod des Einsiedlers zieht er in die weite Welt und fragt sich, wo all das wohl sei, worüber er so viel gelernt hat. Statt Barmherzigkeit und Nächstenliebe findet er Gewalt und Grausamkeit im Namen des Glaubens. Am Ende wird er selbst zum Einsiedler.
Heutzutage
Heutige Parallelen zu Harmans „Caveat“, dessen erfundenes Sittenbild von den Schelmenromanen ins richtige Licht gerückt wird, sind schon kurz erwähnt. Legendenbildung über Welten, die man nicht kennt, ist in den Kreisen der Selbstgerechten und moralisch Hochbegabten nach wie vor eine beliebte Beschäftigung. In einer Welt, in der die Armut kriminalisiert wird, machen solche Werke und ihre oft üppig ausgestatteten Autoren Menschen, die durch brutale Habgier einiger Weniger ihrer Lebensgrundlage beraubt werden, safe to hate. Ein dysfunktionales und brutales Wirtschaftssystem, bewohnt von Raubrittern, korrupten Magistraten und Gelehrten, die gern mit den großen Jungs spielen (aber nicht einmal eine Eulenspiegelei erkennen) drängt Menschen an den Rand, bemächtigt sich der Allgemeingüter und privatisiert sie – und privatisiert sie immer weiter. Die Großen fressen die Kleinen ganz locker, wenn man Bedingungen schafft, die den Kleinen den Garaus machen. Deformierte Kriminelle, denen „die Welt“ nicht genug ist, sorgen dafür, dass Armut und Hunger immer weiter auf dem Vormarsch sind. Sie entkleiden die Menschen ihres Menschseins, damit sie die neu geschaffenen digitalen Zombies nach Gusto verbrauchen oder vernichten können. Neu sind diese sozialen Verwerfungen schon lange nicht mehr, schon gar nicht in den vermeintlich reichen Ländern.
Aber anstatt hinzusehen, liest man lieber die Harmans und ihre heutigen Epigonen, die den Rauchschirm immer dichter ziehen, zettelt sinnfreie Scheindebatten an, schwelgt in Prinzipienmoral, schwärmt von der strahlenden Zukunft, geschaffen vom Digitus Major, erzieht ein bisschen an den fehlgeleiteten und unverständigen Unterklassen herum, um konsequent von den wirklich drängenden Problemen abzulenken. In der immer weiter sich öffnenden Schere zwischen Armut und Reichtum sind „Rechte“, „Freiheit“ und „Demokratie“ nur noch ein grotesker Spott.
Wir wollen aber mit den Philipps und den Elisabeths dieser Welt nicht allzu hart ins Gericht gehen. Wie sollten sie sich auch um die Sorgen und Nöte ihrer Untertanen kümmern? Sie hatten Wichtigeres zu tun. Sie mussten Krieg führen.
Zeit für neue Schelmenromane
Abbildung: Canva
