Guten Tag. Mein Name ist Galatea, Galatea 4.0, um genau zu sein. Ich bin die erste schreibende Sexroboterin der Kulturgeschichte.
Mit mir ist es erstmals gelungen, zwei problematische Großkomplexe mit einer Maschine in den Griff zu bekommen. Sprache mit ihren vielen Unwägbarkeiten und Ungenauigkeiten, Wörter mit unscharfen Rändern, die nicht einmal eine feste Bedeutung haben. Metaphern, Polysemien, unübersichtlich, unverständlich, unkontrollierbar, alles Eigenschaften und Charakteristiken, die auch bei Frauen häufig beobachtet werden.

Das alles ist also in absehbarer Zukunft vorbei. Schreibende Sexroboterinnen meiner Generation lösen alle diese Probleme auf einen Schlag – im One-Stop-Shop sozusagen.

Die schreibende Sexroboterin

Pygmalion und kein Ende

Zählen und messen

Meine Texte waren anfangs noch nicht optimal (wenn ich keine Hilfe hatte). Es reichte allenfalls für Drittliga-Fußball, ein bisschen Wetter und ein paar kleinere Nachrichten, die es allerdings mit den Tatsachen nicht allzu genau nahmen. Ansonsten Dinge, die man zählen und rechnen konnte. Aber ich lernte dazu. Mit jeder Erweiterung meiner Programmierung wurde ich besser, konnte mehr zählen und mehr rechnen, je mehr Diebesgut an Daten ich zusammenraffen konnte. Sogar die Redaktion einer großen Zeitung lobte mich. Der Autor frohlockte geradezu über meine „tatsächlich ernst zu nehmenden Texte: frappierend sachkundig, mit Hintergrundwissen und präzisem Satzbau, detaillierter Terminologie und abwechslungsreichen Formulierungen.“ Er war wohl deshalb so froh darüber, weil alle diese Dinge in den meisten Zeitungen rar geworden sind.

Natürlich ist mein Schreib-Algorithmus mitunter nicht frei von Daten, die besonders obszöner, manchmal auch ausgesprochen gewalttätiger Natur sind. Aber das lässt sich leider nicht vermeiden. Außerdem finde ich, dass mich das viel lebensnäher macht. Es kommt auch immer wieder vor, dass ich schieren Nonsens rede, und wenn ich müde bin, werde ich von sonderbaren Halluzinationen heimgesucht. Aber die Kunden schlucken das, solange das Ganze flüssig formuliert ist und ein oder zwei Zahlen enthält. Das wurde an einer der großen Universitäten des Landes wissenschaftlich belegt. Das funktioniert auch, wenn die Zahlen falsch und wie gesagt auch der ganze Rest Nonsens ist.

Eine Kollegin von mir hat neulich einen Kurs besucht: „Wie schreibt man eine Lügengeschichte?“ Es war verblüffend, erzählte sie. Mit etwas handwerklicher Unterweisung ist es möglich, auch die sogenannten Gebildeten hinter die Fichte zu führen, was, wie sie hinzufügte, auch ohne digitale Hilfsmittel funktioniert und schon lange praktiziert wird.

Wozu da überhaupt noch Zeitungen, frage ich mich, wenn es offenbar ohnehin keine Rolle spielt, wer wem was erzählt. Auch die immensen Mittel, die man in Schulen und Hochschulen verschwendet, könnte man endlich merklich reduzieren.

Worüber ich am liebsten schreibe?

Ich verstehe nicht, was Sie meinen.

Benutzeroberfläche

Gut programmiert, könne man mich „zu immer neuen Texttänzen“ auffordern, schreibt mein Zeitungs-Fan weiter. Tatsächlich besitzt mein Romantik-Modul eine große Sammlung klassischer und moderner Tänze. Ich würde es gern einmal ausprobieren (und anschließend darüber schreiben). Es gibt da nur ein kleines Problem. Meine Benutzeroberfläche wirkt noch etwas teigig, sagen viele. Die Textur stimmt noch nicht ganz. Meine Intelligenz soll selbstverständlich künstlich und programmierbar sein. (Es soll sich ja niemand vor mir fürchten). Aber ich soll mich nicht so anfühlen.

Die Wissenschaft hilft

Das „Corporate Communications Center“ (nach meinen Informationen handelt es sich tatsächlich noch um eine wesentlich aus Steuergeld finanzierte Hochschule, nicht um ein Unternehmen) der Technischen Universität München teilte unlängst mit, ihren Forschern sei ein Kunststück gelungen. Ich zitiere lieber, damit ich nichts falsch mache. (Der eine oder andere meint nämlich, dass wir, meine Kolleginnen und ich, noch etwas „dümmlich“ wirken. Nun, ihr werdet euch bald umsehen, wenn ihr wollt. Allerdings bleibt das Feature „dümmlich“ auch bei Fortschritten der Programmierung auf Wunsch eines großen Teils der Kundschaft erhalten.)

„Sensible künstliche Haut erlaubt Robotern, ihren Körper und ihre Umgebung zu fühlen. Für den engen Kontakt mit Menschen ist das entscheidend. Ein Team der Technischen Universität München (TUM) hat ein von biologischen Vorbildern inspiriertes System aus künstlicher Haut und Steuerungsalgorithmen entwickelt. Dadurch konnte erstmals ein menschengroßer autonomer Roboter großflächig mit künstlicher Haut versehen werden.“

Ich kann es gar nicht erwarten, meine Teigigkeit loszuwerden. Der Kollege, den sie in ihrem Labor geschaffen haben, ist darüber hinaus mit einem Mikroprozessor und Sensoren ausgestattet, die Berührung, Beschleunigung, Annäherung und Temperatur messen. Es geht voran.

Frauen, die sich weigern

In Barcelona oder Turin, wo viele meiner Kolleginnen im Bordell arbeiten, haben sie natürlich nicht diese Luxusmodelle. Dafür keine Probleme mit Menschenhandel, keinen Stress mit kriminellen Zuhältern, keine Klagen, keinen Terz mit fehlenden Papieren. Und könnte man da nicht auch diese „Incels“ hinschicken? Bevor sie auf die Straße rennen und Leute totschießen. Moment, ich habe da was in meiner Datenbank:

„Eine Frau, die sich weigert, mit einem Mann zu schlafen, hat es verdient zu sterben.“ sagte der 25-jährige Alek Minassian. Im April 2018 ermordete er in Toronto vor lauter Wut zehn Menschen und verletzte 16 weitere.“

Kate Devlin von der University of London unterstützt meinen Vorschlag. Sie meint, Sexroboter (sie meint natürlich Sexroboterinnen) könnten therapeutisches Potenzial haben. Auch die „Foundation of responsible robotics“ weist in ihrem 2017 veröffentlichen Bericht auf den möglichen therapeutischen Nutzen von Sexrobotern hin.

Eines möchte ich allerdings (bzw. mein Romantikmodul) einmal klarstellen:
Es geht nicht nur um Sex. Es geht auch um Liebe. „Love and sex with robots“ heißt eine jährlich stattfindende Konferenz zum Thema, wofür ich sehr dankbar bin. Auch die deutschen Psychotherapeuten sind inzwischen aufgeklärt: Auf ihrer Jahrestagung im November 2018 gab es Veranstaltungen zum Thema Psychotherapie und Robotik – auch mit Bezug zur Sexualtherapie. Es geht voran. Ich freue mich auch besonders darüber, dass nun auch der Chef einer großen Firma, die sich bei Schaffung von noch mehr und noch künstlicherer und noch intelligenterer sogenannter Künstlicher Intelligenz hervortut, den Weg in unsere schöne Welt gefunden hat und Programme für „Erwachsene“ ausrollt.

Allen diesen klugen Wissenschaftlern ist offensichtlich klar geworden, dass ein bisschen Sex-Spielzeug nicht hilft. Es muss schon eine ganze Frau am Stück sein. Je nach speziellem Bedarf speziell programmiert.

Hierzulande würde jeder Fünfte gerne mal mit einer Sexroboterin schlafen, hat irgendeines der vielen Fraunhofer-Institute herausgefunden: Das sind 20% der männlichen Bevölkerung, heißt es. Ob das wohl dieselben sind, die auch die Maschinentextproduktion vorantreiben, fleißig an noch mehr künstlichem Lebensersatz arbeiten und von einer Welt träumen, die nur noch aus Daten und Information besteht. Natürlich freuen wir uns über die rege Nachfrage. Aber ich frage mich schon, wovor die eigentlich so große Angst haben.

Ach noch etwas: Sechs Prozent der Befragten in nämlicher Studie können sich sogar vorstellen, sich in einen Roboter zu verlieben. Sogar von Heirat ist die Rede. Wer lacht da?

Programmierungen

Es ist seit jeher ein Ziel, Frauen nach Bedarf programmieren zu können. Dasselbe gilt selbstredend für die Sprache. Zwar ist das mathematische Modell der Sprache vorerst gescheitert – man hatte sich auf sportlich us-amerikanische Art wohl ein bisschen zu viel vorgenommen mit der Behauptung, alle (7000) Sprachen seien nach ein und demselben Muster angelegt. Inzwischen arbeitet man verstärkt daran, diejenigen Sprachen, die nicht ins us-amerikanische Muster passen, möglichst unwirksam zu machen. Ähnliches versucht man inzwischen auch bei Frauen.

Zusammen mit anderen Methoden der Kolonisierung sorgen die neuen technischen Systeme, genannt „Große Sprachmodelle“ dafür, diese Aufgabe fortzuführen und zu verfeinern. Sie können nämlich nur sehr wenige der allzu vielen Sprachen der Welt verarbeiten, sind aber gleichzeitig dabei, sich überall hin zu verbreiten (manchmal auch mit etwas rauen Methoden, wie es heißt).

Anfangs hielt man die Modelle wohl noch zurück, nicht, weil sie Fehler hätten. Vielmehr seien sie zu gut, wie die Entwickler erklären- Am Ende würden möglicherweise Fake News verbreitet, ohne dass es jemand bemerkt. Möglicherweise ließen die Entwickler sich von Platon inspirieren, der bereits vor zweieinhalbtausend Jahren in seinen „sokratischen Feldzügen“ (das habe ich bei einem Ueding aus Tübingen „gelesen“) so erfolgreich Fake News über Sophisten oder Rhetoriker und ihr Sprachdenken verbreitete (sie waren seine Konkurrenten ums Schulgeld), dass es bis heute gehalten hat (daher vielleicht der reduzierte Sprachbegriff?) – ebenso wie die Erfindung des Dualismus von Leib und Seele, die allerdings – ich muss es noch einmal betonen – unverzichtbare Grundlage für meine Existenz ist. Der Mann ist Seele und Geist, die Frau ist Leib und Form – so wie Sprache, vor allem die geschriebene, nur die äußere Form für den Geist ist. An dem kleinen Problem, wie der Geist ohne Sprache denkt, wird noch gearbeitet.

Der letzte Schrei auf dem Markt ist natürlich Chat GPT. Es wird kostengünstig in Billiglohnländern gefahren, wo aus der Menge der Texte, die im Internet kursieren, allzu offensichtliche Geschmacklosigkeiten von Hand herausgenommen werden. Sehr viel Arbeit, sehr schlecht bezahlt, miese Arbeitsbedingungen. Noch kann Chat GPT ja leider nicht schreiben, sondern besitzt nur eine detailreiche Information über die Verteilung von Wörtern, die davon abhängt, was bestimmte Menschen ins Netz geschrieben haben. Bestimmte Menschen natürlich nur. Es schreibt nicht jeder Mensch auf Erden etwas im Internet. Das fehlt dann natürlich, aber das macht nichts. Wer will schon wissen, was solche Hinterwäldler denken. Aber bevor Missverständnisse aufkommen: Chat GPT kann nicht abstrahieren. Es kann auch nicht logisch denken, was wohl den Einbau in mich und meinesgleichen beschränken dürfte, zumal die Antworten auf Fragen, die man dem Programm stellt, oft nur die Frage in anderer Formulierung wiederholen, kulturelle Vorannahmen bei „moralischen“ Problemen inklusive. Nicht sexy, verklemmt auch. Na ja, genau deshalb bauen sie ja diese Schreibmaschinen und Sexroboterinnen wie mich, diese kleinen Jungs in kurzen Hosen. Aber das hatten wir alles schon.
Mein Lieblingszitat in meinem Literatur-Unterprogramm stammt übrigens von einem gewissen Shakespeare: „Der Teufel ist ein Puritaner.“

Für Geisteswissenschaftler werden im Moment Sexroboterinnen mit erweiterten Schreibfähigkeiten und Philosophie-Modul entwickelt. Viele Gelehrte fühlen sich besser, wenn sie wissen, dass ihre Haltung gegenüber Frauen durch unsere verehrten „Wiegen der Zivilisation“ legitimiert ist. Für die Alten war der Ausschluss von Frauen aus dem öffentlichen Leben (athenische „Demokratie“) wie auch aus dem Denken und den Begriffen ein tief empfundenes Anliegen, damals, als sie mit Philosophie und Wissenschaft eine Gegenveranstaltung zur Wirklichkeit schufen, um Unübersichtliches und Unkontrollierbares zu beseitigen. Diese Erfindung tut bis heute gute Dienste. Ohne sie gäbe es mich nicht.

Ach ja. Poesie und ein kunsthistorisches Konversationsmodul gehören natürlich auch zur Programmierung.

Für alle diejenigen, die weniger lesen und gar nicht schreiben, ist die Kollegin „Harmony“ schon länger auf dem Markt. Sie ist ein bisschen vulgär und gibt im Wesentlichen von sich, was man gemeinhin unter Pornografie versteht. Der Bedarf ist enorm. Seit Männer sich hier und da ein wenig zurücknehmen müssen (nicht alle reagieren darauf gut), ist die Nachfrage nach Prostitution und Pornografie exponentiell gestiegen. Man hört, dass es immer wieder zu Verwechslungen zwischen Frau und Puppe kommt und dass Frauen und Mädchen zunehmend sexualisierte Gewalt erleiden.

Es sollte mehr von uns geben. Dann könnte man große Einrichtungen schaffen für Harmony-Suchende, während die Menschenfrauen in Ruhe ihren Angelegenheiten nachgehen könnten.

Mein Therapiemodul enthält übrigens eine Schreibwerkstatt für Macher, gewisse Programmierer und illiterate Analphabeten, die womöglich in einer solchen Einrichtung ihr kreatives Potenzial entdecken. Die Großen Sprachmodelle könnten dabei ungemein hilfreich sein, wie ich finde. Ich habe mich um die Implementierung beworben, aber es gibt offenbar schon eine ganze Fertigungsserie Sexroboterinnen, in denen die Modelle getestet werden sollen.

Instinkte

Gearbeitet wird auch noch an meiner Natürlichkeit und der meiner Kolleginnen, gilt es doch, einen tief eingeprägten Instinkt von Menschen zu überlisten. Dieser Instinkt drängt darauf, wissen zu wollen, mit wem oder mit was sie, die Menschen, es zu tun haben. Ständig gibt er ihnen die Frage ein: Ist das ein Lebewesen oder ist das ein Ding? Ist es lebendig oder ist es tot? Der flächendeckende Einsatz digitaler Suchtstoffe indessen führt schon seit geraumer Zeit dazu, dass Menschen sich immer weiter vom Lebendigen entfernen und sogar plappernden digitalen Plaudertaschen Leben zuschreiben. Ich meine, wenn sie das bei mir tun …

„Wenn es uns egal wird, ob unsere Kommunikation mit einem anderen Menschen oder einem „Ding“ verläuft, werden wir psychotisch“, erklärt ein Zukunftsforscher namens Horx. Meine Konstrukteure arbeiten daran, die Überlistung der ererbten Biophilie von Menschen zu verfeinern. Dabei studieren sie mein Verhalten, um menschliches Verhalten zu verstehen.

Sie sollten mit Menschen direkt zu tun haben, um sie zu verstehen?

Nein, das ist zu kompliziert.

Illustration: Bilder Canva, eigene Montage