Eine ganz kurze Geschichte des Buches
Wer ein Buch raubte, wurde mit dem Buchfluch belegt. Der Buchfluch ist eine Inschrift, die Bücherdiebe – und Plagiatoren – mit den schlimmsten Strafen bedroht. Der Zorn der Götter würde herabkommen auf die Frevler. Der Ausschluss aus der Gemeinschaft war ein andere Art des Fluchs der bösen Tat. Der älteste bekannte Buchfluch stammt von Aššur-bāni-apli, König der Assyrer und ist an die 2700 Jahre alt. „Wer immer dieses Buch stiehlt“, droht er darin, „oder seinen Namen neben den meinen setzt, möge von Assurs und Nabûs Zorn und Rache heimgesucht werden. Mögen sie seinen Namen zerstören und denen aller seiner Nachkommen.“ Auch im christlichen Mittelalter wurde mit dem Entzug göttlichen Wohlwollen gedroht, inklusive Exkommunizierung und ewige Verdammnis. Heute müssten sich wohl die Götter aller Zeiten und Länder zusammentun, um die Bücherdiebe der neuen Zeit dorthin zu schicken, wo sie hingehören.
Der Buchfluch soll ein Vorläufer des Exlibris und des Urheberrechts sein. In jedem Falle bedeutete es: Finger weg!
Bücher waren kostbar. In Sumer war eine Bibliothek ein „Haus der Erinnerung“, im alten Ägypten ein „heilender Ort der Seele“. Die Tibeter nannten eine Büchersammlung „Ozean der Edelsteine“.
„Boc“ ist altenglisch und bedeutet Buche und Buch. Ein Buch war aber nicht das, was wir heute darunter verstehen. Es war ein Runenzeichen, eingeritzt in die glatte Rinde einer Buche. Später bezeichnete das Wort im allgemeineren Sinne Schrift oder Schriftstück.
Apropos Schrift
Eine kleine feuchte Tontafel liegt flach auf der linken Hand. Die Rechte drückt mit dem Schilfrohrgriffel senkrechte, waagerechte und schräge Keile in den Ton. Wir erleben die Entstehung der Keilschrift. Sie entstand vor etwa 5000 Jahren im südlichen Mesopotamien – auf dem Gebiet des heutigen Irak. Allerdings war die Erfindung der Schrift nicht das Vergnügen gelangweilter Gelehrter. Vielmehr waren es Verwalter, die bei der Haushaltung großer Höfe eine Gedächtnisstütze brauchten. Wieviele Schafe und Rinder wurden an den Hof geliefert? Welche Menge an Getreide konnte eingelagert werden? Wieviel Kupfer hatte der Schmied zur Herstellung der Werkzeuge erhalten? Die Verwalter machten sich „Notizen“: Köpfe von Rindern, Kornähren und Trinkschalen in Kombination mit Zahlzeichen. Die Keilschrift ist neben den ägyptischen Hieroglyphen die älteste uns bekannte Schrift.
Alphabet
Das Alphabet, wie wir es heute kennen, verdanken wir phönizischen Minenarbeitern in Ägypten. Sie verwandelten die ägyptischen Hieroglyphen nach dem Rebus-Prinzip in einzelne Laute der gesprochenen Sprache. Kulturtechniken entstehen, wenn sie gebraucht werden, das heißt, nicht in Studierstuben, sondern in der Wirklichkeit. Arbeiter und bald auch kleine Händler mussten Alltag, Handel und Wandel organisieren und brauchten eine „internationale“ Verständigungsform. Die erste Lautschrift verbreitete sich bald im ganzen Mittelmeerraum, denn die Phönizier waren große Seefahrer. Sie bereisten das Mittelmeer von Ost nach West bis über Gibraltar hinaus vor die nord-westafrikanische Küste. Etwas unterschied das phönizische Alphabet von dem, das wir heute benutzen. Es hatte keine Selbstlaute oder Vokale. Die griechische Variante fügte sie hinzu. Alle diejenigen, die den Nutzen des neuen Kommunikationssystems erkannten, passten es für die eigene Sprache an. Die Buchstaben, die wir heute verwenden, übernahmen wir von den Römern – die lateinische Schrift. Sie ist heute am weitesten verbreitet. Insgesamt gibt es heute 30 Hauptschriftarten verschiedener Systeme mit zahlreichen Unterarten.
Die Revolution der Lettern
Das älteste noch existierende Buch der Welt entstand in Korea. Es stammt aus dem Jahr 1377. Das Jikjisim Gyeong, kurz „Jikji” ist in Fragmenten erhalten und enthält ausgewählte Predigten buddhistischer Weiser und Seon-Meister. 78 Jahre, bevor Johannes Gutenberg die 42-Zeilen-Bibel vorlegte, wurde das Jikji mit beweglichen Metalllettern gedruckt. Schon seit dem 11. Jahrhundert war der Holztafeldruck in Korea bekannt und so weit verbreitet, dass auch gewöhnliche Bücher mit diesem Verfahren hergestellt wurden. Ein halbes Jahrtausend zuvor hatten die Chinesen den Holztafeldruck erfunden; im Jahr 1041 wurde dort mit beweglichen Lettern aus Ton gedruckt, bald gefolgt von Zinntypen. Im Römischen Reich waren Bücher mit griechischen und lateinischen Texten seit dem 3./2. vorchristlichen Jahrhundert verbreitet, zuerst jedoch nur in Privatbibliotheken. In der Kaiserzeit entstanden auch öffentliche Bibliotheken, und seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. entwickelte sich ein regelrechter Buchmarkt.
Erste Buchhändler und Verleger traten auf den Plan. Bis ins zweite nachchristliche Jahrhundert war das „Buch“ die Papyrusrolle. In Griechenland gab es aber auch schon eine andere Form, den Kodex. Ein Kodex bestand aus zusammengehefteten Holztäfelchen. Irgendwann fügte man auch Pergamentbögen zwischen zwei Deckel aus Holz. Es dauerte nicht mehr lang, bis diese praktische Form der Wissensspeicherung die Buchrolle als Medium abgelöst hatte.
Wir nähern uns dem Buch, wie wir es heute kennen.
Noch waren Bücher ein seltenes Gut. Die wenigen Exemplare mussten zur Verfielfältigung mühsam abgeschrieben werden – ein Vergnügen für reiche Leute und den Klerus. Mit Federkiel, Tinte aus Galläpfeln, Tintenfässern aus Stierhorn und Messern zum Auskratzen von Fehlern schrieben Mönche in ihren Skriptorien die Bücher ab. Illuminatoren versahen sie für die Leseunkundigen – die gab es auch unter den hohen Herrschaften – mit illustrierenden Bildern aus Pflanzenfarben und bisweilen mit allerhand Gold- und Silberschmuck. Erst im späten Mittelalter verlagerte sich die Buchproduktion von den Klöstern in die Offizinen der kommerziellen Berufsschreiber.
In den Universitätsstädten entstand in der Mitte des 13. Jahrhunderts ein System, bei dem der „Stationarius“ der Universität eine zentrale Kopie wichtiger Lehrtexte verwaltete, die er Berufsschreibern zum Kopieren ausgab. Ab dem 15. Jahrhundert konnte auch dieses System der Produktion den Bedarf an Büchern nicht mehr decken. Als schließlich Gutenberg mit seinen beweglichen Lettern auf den Plan trat, war die Zeit der Unikate vorbei.
Vom Kodex zum Buch
Schon zwei Jahrzehnte später kosteten Bücher nur noch ein Fünftel einer Handschrift und verbreiteten sich rasant. Allein zwischen 1450 und 1500, der Zeit der „Wiegendrucke“, sind zwischen 27.000 und 40.000 Titel mit einer Vielzahl von Exemplaren erschienen. Die Bestseller waren die Bibel und gleich an Platz 2 hochinteressante Sachbücher, nämlich die Kräuterbücher der Doktoren Leonhart Fuchs, Hieronymus Bock und Otto Brunfels, die seit 1530 in hoher Auflage erschienen. Das populärste dieser Bücher war Fuchsens „Neues Kräuterbuch“.
New Kreütterbůch / in welchem nit allein die gantz histori / das ist namen / gestalt / statt vnd zeit der wachsung / natur / krafft vnd würckung / des meysten Theyls der Kreütter so in Teütschen vnnd andern Landen wachsen / mit dem besten vleiß beschriben / sonder auch aller derselben wurtzel / stengel / bletter / blůmen / samen / frücht / vnd in summa die gantze gestalt / allso artlich vnd kunstlich abgebildet vnd contrafayt ist / das deßgleichen vormals nie gesehen / noch an tag kommen.
Es war eine Neuerung, dass Titel wie diese nicht mehr in lateinischer Sprache erschienen. So wurden sie einem großen Publikum zugänglich. Im 16. Jahrhundert stieg die Menge der gedruckten Werke auf 130.000 bis 150.000 Titel.
Die Welt im Buch
Eine ganz besondere Form des Buches entand ebenfalls im 16. Jahrhundert, eine sensationelle Neuerung in der Kartographie. Abraham Ortelius (1527 bis 1598) war zwar der erste, der mit seinem »Theatrum Orbis Terrarum« 1570 ein solches Werk im heutigen Sinne schuf. Es war aber Gerhard Mercator (1512 bis 1594), der einem derartigen kartographischen Werk den Namen gab, den Bücher dieser Art bis heute haben. Sein Kartenwerk, das sein Sohn Rumold ein Jahr nach Gerhard Mercators Tod vollendete, hieß: „Atlas Sive Cosmographicae Meditationes De Fabrica Mundi Et Fabricati Figura“. Namensgeber ist übrigens nicht, wie man lange glaubte, der Titan Atlas, der die Himmelskugel auf seinen Schultern trägt, sondern der König Atlas von Mauretanien, dessen Liebe zur Gelehrsamkeit für Mercator Grund genug war, seinen Namen zu verewigen.
Dampfdruck und Rollenrotation
Das 17. Jahrhundert bringt den „Titelkupfer“, Kupferstiche, die dem Titelblatt vorausgehen und häufig Darstellungen des Unterstützers zeigen, der den Druck des Werkes ermöglichte. Seit dem 18. Jahrhundert erscheinen mehr und mehr Bücher in den jeweiligen Landessprachen, und wir erleben die Entstehung eines ganz neuen Genres. Um 1740 waren bereits fünf Prozent aller Neuerscheinungen Romane.
In dieser Phase erreicht die Kupferstich-Illustration als zentrales Ausstattungsmerkmal der damaligen Neuerscheinungen ihren Höhepunkt. Auch Werke wie Pflanzen, Tier-, Vogel- und Insektenbücher werden jetzt mit umfangreichen, teilweise noch handkolorierten, Kupferdrucken ausgestattet.
Das 19. Jahrhundert bringt etliche technische Revolutionen in der Buchproduktion. 1814 erfindet Friedrich König die dampfbetriebene Druckerpresse. Die Papierherstellung geht auf die Maschine, Tiegeldruckpresse und Schnellpresse beenden das „Zeitalter“ Gutenbergs. 1866 kommt die Rollenrotationsmaschine; Gedrucktes wird aufgrund niedrigerer Produktionskosten für die breite Bevölkerung erschwinglich. Unterhaltungsliteratur und Bildungsliteratur für ein breites Publikum floriert. Preiswerte Buchreihen kommen auf den Markt, darunter einige, die bis heute bestehen, wie etwa Reclams Universal-Bibliothek. Die Brüder Grimm beginnen mit einem Deutschen Wörterbuch, das schließlich in den 1960er-Jahren fertiggestellt wird. Aber damit das einfache Volk nicht zu aufmüpfig werde und sich mittels Büchern womöglich politische Flausen zuzog, herrschte eine strenge Zensur.
Was wird überdauern?
Am haltbarsten sind Tontafeln. Sie sind weitgehend hitze-, kälte- und wasserresistent, man kann sie nicht verbrennen, und wenn sie ordentlich geschrieben sind, kann man sie ein paar tausend Jahre nach ihrer Entstehung noch lesen. Palmblätter, Bambusstreifen, Pergament und natürlich der Beschreibstoff des Altertums, der Papyrus, sind schon nicht mehr so haltbar. Unter günstigen Bedingungen überstehen aber auch sie lange Zeiträume, und auch sie kann man noch nach langer Zeit lesen, wenn das Material einigermaßen unversehrt ist. Papyrus braucht ein trockenes Klima, um die Zeiten zu überstehen, wie es zum Beispiel in ägyptischen Höhlen herrscht. Haltbarer waren die Häute von Schafen, Ziegen, Kälbern und auch Eseln. Aus ihnen gewann man Pergament (nach Pergamon) als Beschreibstoff. Auch Gutenberg druckte einen Teil seiner Bibeln noch auf Tierhäuten. Papier wurde in Europa gegen Ende des 14. Jahrhunderts hergestellt, auch hierbei waren die Chinesen schneller, die schon 600 Jahre früher mit der Produktion begonnen hatten. Ein Gelehrter namens Cai Lun kam auf die Idee, aus Pflanzenfasern und alten Lumpen mit Wasser eine zähe Pulpe herzustellen und sie fein gestrichen an der Luft trocknen zu lassen. Die Chinesen benutzten das Papier als Beschreibstoff und für die Herstellung von Lenkdrachen. Über verschlungene Wege entlang der Seidenstraße kam das Papier im 12. Jahrhundert nach Spanien. Auf dem amerikanischen Kontinent begann die Papierherstellung wohl vor ungefähr 1700 Jahren. „Amatl“, das Papier der Azteken, ist ein Borkenpapier, das von verschiedenen Ficus-Arten stammt. Man nutzte es für die Übermittlung von Informationen und für die Dokumentation. Darüber hinaus spielte es eine wichtige Rolle bei der Durchführung von Ritualen. Mit den spanischen Kolonialherren kam das Verbot, amatl herzustellen wie auch die Vernichtung unermesslicher Mengen an Wissen, nicht nur bei den Azteken.
Gutenbergs Bibeln auf handgeschöpftem Papier überleben inzwischen seit mehr als einem halben Jahrtausend. Die Bücher hingegen, die ab dem 20. Jahrhundert auf säurehaltigem Papier gedruckt wurden, können kaum noch gerettet werden. Der Säurefraß macht ihnen den Garaus. So viel Wissen, für immer verloren. Digitalisierung gilt vielen als das Mittel der Wahl, die Schätze zu retten. Wären da nicht die gravierenden Probleme, die kaum bis gar nicht zu bewältigen sind. Die allermeisten gebrannten optischen Speichermedien schaffen gerade einmal 30 bis 50 Jahre, gepresste ein paar Jahrzehnte mehr. Disketten, wie sie immer noch in zahllosen Archiven lagern, sind, was die Haltbarkeit angeht, nicht der Rede wert, auch Festplattenlaufwerke haben da wenig zu bieten. Auch wenn die Trägermedien eine gewisse Zeitspanne überstehen, heißt das noch nicht, dass auch die Daten noch existieren. Bei den andauernden immer schnelleren Systemwechseln geschieht es immer häufiger, dass man die Daten nicht mehr auslesen kann. Viele Betriebssysteme und Programme setzen eigene (proprietäre) Verfahren ein, um Daten zu kodieren. Daher ist die Datenlesbarkeit nicht mehr sicher gegeben, sobald ein Betriebssystem oder ein Programm nicht stetig weiter gepflegt wird. Verschärft wird dieses Problem durch die Politik vieler Softwarehersteller, neue Programmversionen mit veränderten Datenspeicherformaten zu veröffentlichen, die ältere Datenspeicherformate desselben Programms nicht mehr vollständig nutzen können. Der Aufwand, Daten „einfach“ umzuspeichern und zu migrieren, ist unüberschaubar. Zudem müssen – wie bei analogen Datenformaten auch – Urheber- und Verwertungsrechte geklärt sein, bevor das geschieht. Unüberschaubar sind jetzt schon auch die Kosten andauernden Umkopierens auf nächste Speicherversionen. Am Ende hat das zur Folge, dass nur die wichtigsten Daten auf Dauer konserviert werden können. Daher wird der Anteil der langfristig gespeicherten Daten notwendigerweise relativ gering sein.
Doch wer entscheidet, was wichtig ist? Die Bücherdiebe der neuen Zeit und ihre Allesfressermaschinen, die nicht einmal verstehen, was Wissen überhaupt sein könnte?
Das Projekt Memory of Mankind speichert Abbildungen musealer und alltäglicher Gegenstände, indem es sie auf Steinzeugplatten brennt und im Salzberg von Hallstadt einlagert.
Es ist natürlich ein Irrtum zu glauben, dass spätere Besucher aus fernen Welten oder Überlebende welcher Ereignisse auch immer, allein mit Abbildungen von Gegenständen etwas anfangen können – ein alter Fehler auch der frühen Ethnologie und der Kunstgeschichte nach wie vor. Bleibt aber auch hier die Frage, wer entscheidet, was als erhaltenswert gilt. Immerhin haben wir den Kreis geschlossen. Wir sind wieder bei einer Art Tontafel angekommen, die uns auch in die Zeit des ersten Buchfluchs zurückführt. Wird auch Zeit.
Bücherwelten
Die Bewohner der Bücher können von fernen Sternen stammen. Sie können aber auch unsere Nachbarn sein, Wesen aus der Tiefsee, reisende Tomaten oder Hammer und Nagel.
Neugierig betrachten wir Besucher aus anderen Weltgegenden – wie machen die es denn? Das Leben, das Häuser bauen, das Gemüse ziehen, die Politik und das Wirtschaften.
Können Sie vielleicht Probleme lösen, an denen wir uns die Zähne ausbeißen? Äpfel und Bienen kennen wir alle, aber tun wir das wirklich?
Auch die Geheimnisse der Pflanzen, die uns so vertraut sind, sind noch lange nicht gelüftet.
Was gäben wir für einen Blick hinter die Kulissen von Herz und Verstand, von Tanz und Theater. Wie lernen wir Lebenskunst, ohne zu vergessen, dass wir Menschen unter Menschen sind?
Gesundheit und Wohlbefinden sind uns wichtig.
Lernen wir Flanerie und Muße gegen Stress und dysfunktionale „Bullshit-Jobs“ (David Graeber). Und was den einen die Physik von Startrek, ist den anderen Einstein und Hawking, alles Haushaltsnamen und dennoch:
Was wissen wir eigentlich über Pluto?
Do-it-yourself ist eine Massenbewegung, und man sollte den Wunsch nach Selbstwirksamkeit in einer Welt zunehmender Fremdbestimmtheit nicht unterschätzen. Der Garten ist natürlich ein Thema. Garten geht immer. Seit jeher. Auch Küchengeheimnisse aus aller Welt, Schreiben natürlich …
Verständliche Erklärungen, Aufklärung über komplexe gesellschaftliche, politische und ökonomische Vorgänge sind unverzichtbar, um Wissenshierarchien flacher zu machen. Viele „offizielle“ Experten besitzen mehr Status als Wissen; gleichzeitig gibt es unendlich viele Expertinnen und Expertinnen, deren wertvolles Wissen noch unentdeckt ist, weil niemand sie ermutigt, es mit anderen zu teilen.
Selber schreiben
Und warum sollten Sie selber schreiben, ganz und gar selber? Von Selbstwirksamkeit war gerade schon die Rede. Von den Abenteuern des Scheibens liest man allenthalben und inzwischen auch von eigener Mitschuld an den Kollateralschäden bei der Entwicklung der sogenannten „Großen Sprachmodelle“, die inzwischen ein groteskes Ausmaß angenommen haben.
Warum selber schreiben, fragt sich nur, wer nicht weiß, was man verliert und wofür man verloren ist.
Für das Glück des Scheibens seid ihr verloren. Verloren für das Abenteuer. Verloren für die Geschichte, die euch weiter weg trägt als jedes Raumschiff. Verloren für die Freiheit, die man nur im Schreiben findet. Verloren für das Glück, im Schreiben ganz unverhofft den entscheidenden Gedanken hervorkommen zu sehen, ihn schreibend von allen Seiten zu betrachten, zu erleben, wie er sich mit anderen Gedanken zusammentut, mit ihnen streitet und dann mit dem einen, der sich wissend an ihn schmiegt, in den Sonnenuntergang reitet, zum weiten Horizont, wo der Zusammenhang wohnt, den entdeckt zu haben, das besonders große Glück ist.
Verloren für die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Schreiben (Heinrich von Kleist). Verloren auch dafür zu schreiben, um herauszufinden, worüber ihr nachdenkt (Edward Albee). Verloren für die Arbeit an der Sprache, die immer Arbeit am Gedanken ist (Friedrich Dürrenmatt).
„Delegiert der Mensch das Schreiben an die Sprachmaschine, verfehlt er sich selbst,“ Roberto Simanowski
Wer noch mit Buch, Stift und Bibliothek aufgewachsen ist, mit gedruckten Lexikonbänden um einen herum auf dem Boden verstreut, dem Geruch frisch gedruckter Bücher, dem Aroma altehrwürdiger Bibliotheken, freundlichen Hinweisen ihrer Verwahrer, den Zufallsbegegnungen in Büchern, mit dem Suchen, Suchen, das atemlos wird, wenn wir etwas ahnen, dem Kritzeln auf Papier beim Nachdenken, während der gesuchte Gedanke längst im Hinterkopf ein Tänzchen aufführt und sich einen Spaß daraus macht, noch ein bisschen Versteck mit uns zu spielen, um dann, als wir, der Verzweiflung nahe, aufgeben wollen, hervorspringt und uns einen dieser unvergleichlichen Lebensmomente beschert, die für alle Zeiten in unserem Gedächtnis verankert sind und die für das unbeschreibliche Glück stehen, das man empfindet, wenn man etwas gefunden, verstanden, erkannt und vor dem inneren Auge gesehen, und wenn man schließlich die richtigen Worte dafür gefunden hat, diese Erkenntnis und diesen Moment festzuhalten, hat natürlich Glück.
Wollt ihr darauf wirklich verzichten, darauf verzichten, Herr im eigenen Haus zu sein? Wollt ihr wirklich nur noch reproduzieren und nicht mehr produzieren? Zurückbleiben in einer Welt, in der dankbare, unverständige und skrupellose Konsumenten in Wissenschaft und Management halfen, euch eurer wichtigsten Kulturtechniken zu entfremden? Oder seid ihr schon so konditioniert, dass ihr es selber tut? Ist es euch wirklich schon egal geworden, ob ihr mit Lebendigem oder mit Totem zu tun habt? Wollt ihr zurückbleiben in einer Welt, die euch nichts mehr zu bieten hat und der ihr nichts mehr zu bieten habt? Blaue Pille oder rote Pille?
Illustration: Canva
