Renate Künast

Ministerin mit Bodenhaftung

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Gut gekleidet, dynamisch vorgebeugter Oberkörper, den dicken Schönfelder unterm Arm: Das waren die anderen, diejenigen, die glaubten, das geschriebene Recht sei zugleich auch „Wahrheit“. „Ich wollte etwas verändern“, sagt Renate Künast. Deshalb hat sie Jura studiert. Sie und ihresgleichen waren nicht so teuer gekleidet, ihr Schönfelder war die einfache Taschenbuchausgabe, und Gesetze waren in Paragrafen gegossene Macht. Man musste sie kennen, um das System zu verstehen. „Es gab diese beiden Gruppen von Studierenden in unserem Fachbereich“, erinnert sich die 48-Jährige. „Das war typisch für die FU.“

Künast ist die erste in der Familie, die studiert. „Ich habe um Bildung gekämpft, um das Sozialarbeitsstudium und um das Jurastudium.“ Eher ungeplant war die politische Karriere. „Ich wollte mich neben der beruflichen Tätigkeit engagieren“, sagt sie: gegen die Zumutungen der Politik, gegen „die ganze Verdummung“, gegen Atomkraftwerke. Das war moralische Verpflichtung. Dann nahmen die Dinge ihren Lauf, wie sie es selbst beschreibt. Und das Motiv sich zu engagieren,trägt weiter als der Wunsch nach einer politischen Karriere. Seit dem 12. Januar 2001 ist die grüne Politikerin, die keine werden wollte, Mitglied der Bundesregierung als Ministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (BMVEL)

Renate Künast ist die erste Landwirtschaftsministerin, die nicht aus der Bauernlobby stammt. Doch schnell findet sie den richtigen Ton: „Das sind alles ganz normale Menschen. Und Bauern sagen ihre Meinung gerade heraus. Das ist gut, das kann ich auch.“Dass die Ministerin weiß, wovon sie redet, musste mancher politische Gegner schneller feststellen, als ihm lieb war. Eine neue Gesprächskultur führte sie auch in ihrem Ministerium ein. Das „Magische Sechseck“ bringt alle Beteiligten in der Kette der Lebensmittelproduktion an einen Tisch: Politik, Landwirtschaft, Futtermittelhersteller, Lebensmittelindustrie, Einzelhändler und Verbraucher. Man will Handlungsoptionen entwickeln, die in der Realität Bestand haben. Politik, findet die Ministerin, muss Bodenhaftung haben.

Bodenhaftung braucht auch die Wissenschaft, die die Politik berät und die ein unverzichtbarer Bestandteil des politischen Prozesses ist. Projekte der zuständigen Ressortforschung werden mit dem Ministerium abgestimmt, die Ergebnisse müssen verwertbar sein. Doch entgegen so mancher Befürchtung im Elfenbeinturm wird zwar Auftrags-, aber keine Gefälligkeitsforschung betrieben. Die Methoden sind frei, damit die Ergebnisse belastbar sind.

Ihren Freunden ist die Wahlberlinerin als harter Knochen mit weichem Kern vertraut, politische Gegner kennen sie als kompetente Verhandlerin mit einem Hang zu engagierter und hartnäckiger Auseinandersetzung. Die Juristin aus Leidenschaft kann„mit Hingabe bis nachts um zwei darüber diskutieren, ob es in einer Gesetzesvorlage „kann“ oder „soll“ heißen muss – schließlich kann ein winziges Detail zur entscheidenden Stellschraube werden. Neben gut sitzender Sachkenntnis wird aber mitunter auch etwas ganz anderes zum Verhandlungsvorteil. Frauen machen Politik „mit Herz und Verstand“, wie Künast es nennt. Das erleichtert Zugang und Verständigung, denn Politik ist auch täglich ausgehandelter Kompromiss. Und da sind Frauen oft besser als mancher lediglich um Macht bemühte Westentaschen-Machiavelli. Leider mangelt es oft noch am entsprechenden Selbstbewusstsein. „Ich habe leider oft die Erfahrung gemacht, dass Frauen viel mehr können, als sie sich selber zutrauen“.

Dass es auch anders geht, zeigte Renate Künast – die verrät, dass sie in Jungendjahren recht schüchtern war – in zahlreichen politischen Funktionen. „Jura hat geholfen“, sagt sie. „Es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens“.

Fast 20 Jahre nach dem zweiten Staatsexamen würde sie zurückkommen in ihre Universität, zum Beispiel um vorzutragen, wie Europa funktioniert, sich fragen zu lassen, wie Verhandlungen wirklich verlaufen. Und es gibt noch wesentlich mehr unter den Praktikern, weiß die Ministerin, die ihr Wissen zur Verfügung stellen würden. Über eine Welt, in der die mitunter scholastisch anmutenden juristischen Haarspaltereien plötzlich einen ganz realen Sinn bekommen. Künast: „Dann wird auch klarer, wofür man eigentlich lernt.“

Susanne Weiss

Foto: Arne List CC-BY-SA-3.0,2.5,2.0,1.0

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