Ulrich Schnabel

... blickt hinter die Fassade von Wasserstoffatomen und Wissenschaftsbetrieb

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Kurz vor elf entsteht schon ein kleines Gedränge vor der Espressomaschine. Ulrich Schnabel nimmt die Schiffsglocke und ruft die restlichen Kollegen zusammen. Mit Papier, Stift und Kaffeetasse, den Insignien der Zunft, versammeln sie sich am großen Konferenztisch. Mit freundlicher leiser Stimme eröffnet Schnabel, stellvertretender Ressortleiter, die Redaktionskonferenz des Ressorts „Wissen“ der ZEIT.

Auf Umwegen kommt der Schwabe zur größten deutschen Wochenzeitung nach Hamburg. Sprössling einer musischen Familie, ist er hin und her gerissen zwischen Musik und Mathematik. Er sucht die Synthese und beschließt, Tonmeister zu werden. Doch Werner Buckel, Physik-Professor in Karlsruhe, engagiert in der Friedensbewegung und ein „begnadeter Vermittler“, begeistert ihn in den Zeiten des Nato-Nachrüstungsbeschlusses für die Physik.Schon beim Vordiplom rebelliert das musische Ich und verlangt eine Denkpause: „Soll ich Chips bauen bei Siemens? – oder doch lieber Tonmeister werden?

Eine ganz neue Perspektive bietet die Möglichkeit, die zwei Seelen in der Brust in einem kreativen Beruf miteinander zu versöhnen. Ulrich Schnabel kommt auf den „Trip mit dem Wissenschaftsjournalismus“. Er kauft sich einen Schreibmaschinenlehrgang und Ludwig Reimers „Stilfibel“, verfasst einen Artikel über einen ärztlichen Irrtum, der ihm an den eigenen Lebensnerv gegangen war, und schickt ihn zur Esslinger Zeitung. Der Artikel wird gedruckt, alle unkritische Ehrfurcht vor wissenschaftlicher Autorität ist dahin.

Mit Tinte im Blut  kam der Physikstudent 1985 nach Berlin. An der FU konnte man Wissenschaftsjournalismus studieren, und in der Physik waren Leute mit weitem Horizont, „manche ein bisschen verrückt“. Das Studium war chaotisch, die Atmosphäre inspirierend. Unvergessen bleibt ein langes Gespräch mit Prof. Frank Forstmann über die philosophischen Implikationen der Quantenmechanik. Durch den Unistreik 1988/89 politisch sensibilisiert, irritierte ihn, dass in Atomphysik nicht über Atombomben gesprochen wurde. Prof. Helmut Gabriel, eine „menschliche Figur“, hielt Schnabel davon ab, das Physikstudium aufzugeben. Bei ihm schreibt er schließlich seine Diplomarbeit „Modell für Wasserstoff-Transferreaktionen“.

Bei den Wissenschaftsjournalisten war der Physiker das komische Tier in der Runde. „Als ich mich vorstellte, haben alle gelacht.“ Bald war ihm auch dieser Studiengang zu praxisfern. „Ich lernte weder schreiben noch Texte zu verkaufen.“ Also suchte er sich Themen und Abnehmer selbst, platzierte Artikel über Hundefriedhöfe aus der Sicht eines Hundes oder über die Merkwürdigkeiten von Physikerkongressen in Blättern wie der tageszeitung und der Süddeutschen Zeitung.

Zeitungmachen „von Anfang an“ lernte er beim Studentenmagazin „ „Kassandra“, einem „wilden überambitionierten“ Projekt, das mangels Finanzmasse nach kurzer Lebensdauer wieder eingestellt werden musste.

Mit einem Stipendium und auf Vermittlung der Robert-Bosch-Stiftung machte Ulrich Schnabel 1987 ein Praktikum bei der ZEIT. Anfangs etwas erschrocken über den rasanten Wechsel in die Edelfederklasse, arbeitet er auch später weiter als Freier für das Hamburger Wochenblatt.

Nach dem Abschluss des Physikstudiums 1991 und einer Reise nach Indien steht 1992 der Entschluss fest: Schlag dich als freier Journalist durch. Doch daraus wird nichts. Die ZEIT macht ihm ein Angebot, im neu gegründeten Ressort „Wissen“ als Jungredakteur anzuheuern. „Wann merken die, dass ich hier nicht hingehöre?“, fragt er sich – und täuscht sich. Mit seinem jungen Team ist das Ressort im gediegenen Hamburger Pressehaus das komische Tier – mit offenen Türen, offenen Worten und einer „Fleißliste“, die regelt, wer als nächster den Kaffeesatz aus der Espressomaschine herauslesen muss. Sein „Idealpartner“ in der Redaktion ist Ressortleiter Andreas Sentker. „Wir verstehen uns blind“, sagt Schnabel, beim gemeinsamen Schreiben von Büchern über Bewusstseinsforschung („Wie kommt die Welt in den Kopf?“) ebenso wie bei der journalistischen Philosophie des Ressorts. Kenntnisreiche und kritische Vermittler zwischen Wissenschaft und Gesellschaft wollen sie sein, nicht bloße Übersetzer von Forschungsergebnissen. Das Konzept geht auf: In der Lesergunst steht das „Wissen“ auf Platz zwei – gleich hinter der Politik.

Manchmal zieht Ulrich Schnabel sich zurück um innezuhalten. Der Blick hinter die eigene Fassade ist für den Journalisten genauso wichtig wie der Blick hinter die Fassade von Wasserstoffatomen und Wissenschaftsbetrieb. Eine Erkenntnis wird stets deutlich: „Ich bin froh über jeden Umweg, den ich gemacht habe.“

Susanne Weiss

Foto: privat

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