Schreiben über Wissenschaft

Wie sag ich’s meinem Publikum? Seit einiger Zeit treibt ein schillernder Kobold seine Späße in Pressestellen, Zeitungsredaktionen, im Marketing und auch in der Wissenschaftskommunikation. Sein Name: Storytelling. Die Buchungsportale für Heldenreisen sind hoffnungslos überlastet, und vor lauter „Emotionen“ ist das Publikum zu Tränen gerührt.

Unternehmen erklären das Storytelling im Content Marketing zur wichtigsten Disziplin im Marketing-Mix für die kommenden Jahre. Die Firma wird zum Heldenparcours, während in der Wissenschaft allen Ernstes darüber gestritten wird, ob man in einer Story die Gefühle des Wissenschaftlers beim Forschen zeigen darf. Das Menschenbild, das unterstellt, man müsse dem Publikum und der Kundschaft mit „Emotionen“ kommen, weil der Verstand nicht reicht, die „Botschaft“ zu kapieren, soll hier (vorerst) nicht diskutiert werden.

„Postfaktisches Zeitalter“?

Vor lauter Gefühl bleibt die Information auf der Strecke, und wie auf Bestellung schlägt das Pendel ins andere Extrem aus: Im„postfaktischen Zeitalter“ müsse erhabene Sachlichkeit walten, und ausgerechnet eine Werbeagentur fordert: „2019 muss das Jahr der Tatsachen werden.“ (Dirk Benninghoff, Chefredakteur Fischer Appelt) In der Wissenschaft weiß man das natürlich besser, das mit den „Tatsachen“. Darüber, wie wissenschaftliche Tatsachen entstehen, wurde schon viel geschrieben (Fleck, Hacking, Latour, Feyerabend u.v.a.m.). Und wer es allzu leichtfüßig mit „der Wahrheit“ versucht, bekommt gelegentlich unversehens Heinz von Foerster um die Ohren gehauen: „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners.“ Sehr zu empfehlen das gleichnamige Buch mit den Gesprächen von HvF mit Berhard Pörksen. Kann man auch auf „Tatsachen“ übertragen.

Im Übrigen wissen wir längst, dass man nicht lügen muss, um die Un-Wahrheit zu sagen. Nachrichten einfach wegzulassen, ist neuerdings ein probates Mittel, nicht so ganz die Wahrheit zu sagen – im größeren Kontext betrachtet. (vgl. http://www.derblindefleck.de)

Handwerk

Aber bevor es zu esoterisch wird, zurück zum praktischen Problem. Wie vermittle ich Information, so gut ich kann, und nutze gleichzeitig die Tatsache, dass Menschen sich Geschichten besser merken können als sterile Listen und abstrakte Redeweise? Das hat etwas mit der Entwicklungsgeschichte und der Arbeitsweise unseres Gehirns zu tun. „Wir entwerfen unsere Welt nicht in rationalen Listen und Hierarchien, sondern radial von einer Bedeutungsmitte ausgehenden Kreisen, die sich mit anderen wiederum überschneiden“, weiß Arthur Jacobs, ein Neurowissenschaftler an der Freien Universität Berlin, der zusammen mit dem Dichter und Altphilologen Raoul Schrott 2011 „Gehirn und Gedicht“ schrieb. Und da haben wie den Schlamassel. Also doch Storytelling? Nachdem es seit rund zwei Jahrzehnten das strenge Postulat gibt, die Wissenschaft müsse nun auch einmal mit der Welt reden und nicht immer nur über sie, kommt die Wissenschaft aus der Nummer nicht mehr raus. Natürlich gibt es Lösungen. Man könnte es zum Beispiel einmal mit Handwerk versuchen. Handwerk, das seit jeher bekannt ist und bis vor einiger Zeit auch von allerhand Leuten, sogar in der Wissenschaft, beherrscht wurde. Große Teile des Handwerks gehen auf sehr alte Künste zurück, als die „emotionale Storykurve“ noch „affektische Ansprache“ hieß man sich richtig ins (sprachliche) Zeug legen musste, um die „captatio benevolentiae“ beim Publikum zum Erfolg zu führen. Aber „Rhetorik“? Wie haben wir sie doch verachtet in der Wissenschaft. Wir sind der Geist, die Kleider interessieren uns nicht. Wer sich hier eines Besseren belehren lasen möchte, dem seien auch hier wieder die Bücker von Gert Ueding zu Klassischen und zur Modernen Rhetorik empfohlen.
Dass gewisse Teile der „Rhetorik“ nun ausgerechnet in ihrer amerikanisierten Light-Version als „Storytelling“ (ursprünglich nichts als ein Werbeinstrument) Gnade finden in der Wissenschaft … was soll man sagen?

Wer schreibt?

Eins noch: Von den Überfliegern, die forschen und lebensdienlich schreiben können, soll hier nicht die Rede sein. Vielmehr von denen, die mit großer Selbstverständlich die „Bürde“ des Kommunizierens mit der Welt da draußen auf die Schultern derjenigen legen, die am meisten zu verlieren haben: Nachwuchswissenschaftler in prekären Arbeitsverhältnissen, die es richten sollen, damit ihre Chefs und Chefinnen sich nicht mit derlei „Trivialitäten“ abgeben müssen. Mit den Steuerzahlern sollen sie dabei selbstverständlich auf Deutsch „kommunzieren“, was sie nicht „einfach so“ können, zumal sie beweisen müssen, dass sie vor allem den fachinternen Jargon beherrschen. Wissenschaftlich parlieren und brillieren aber sollen sie hingegen im Englisch einer ganz bestimmten wissenschaftlichen Tradition, deren denkverengender und kolonialer Charakter inzwischen überall bekannt ist, aber kaum je disktutiert wird. „Wir können uns in gar keiner Sprache mehr artikulieren“, sagte neulich jemand im Workshop. Alle anderen nickten stumm. Resigniert.