„Schreiben ist nicht der Feind, den man besiegen muss.“ Sagt Peter Burschel, Historiker und Herr über eine Büchersammlung, die einst als achtes Weltwunder bezeichnet wurde. Im Booktalk spricht der Direktor der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel über Umwege und Sackgassen beim Schreiben und über die Herausforderung, dabei Chaos und Disziplin in der Balance zu halten. Er bricht eine Lanze für das Handwerk und weiß, was man als Autor aushalten muss.

 

Booktalk

Wir müssen Bücher schreiben, die auch gelesen werden

Peter Burschel und die Freiheit im Schreiben

Susanne Weiss

Prof. Dr. Peter Burschel. Foto: HAB

Lessing langweilte sich. Wolfenbüttel erschien ihm als tiefste Provinz, seit der Fürstenhof nach Braunschweig umgezogen war. 1770 hatte er eine Stellung als Bibliothekar in der ungeliebten Kleinstadt angetreten. Aber was blieb ihm übrig? Er war knapp bei Kasse und wollte heiraten. Und dann, kaum angekommen, machte er eine spektakuläre Entdeckung, die ihn beglückte und ein wenig mit seinem Los versöhnte. Er fand eine Handschrift aus dem 12. Jahrhundert, die einen alten theologischen Streit endgültig beendete und zugleich eine Machenschaft der katholischen Kirche aufdeckte … dachte Lessing.

Tatsächlich irrte der große Mann, erzählt Peter Burschel. Er hatte die Handschrift nicht als erster „entdeckt“, und die theologische Gemengelage war auch eine andere. Lessings Irrtum soll einen Jubiläumsband über die „Bibliotheca Augusta“ aus der Feder Peter Burschels einleiten.

Aber wer will das wissen?
„Das ist natürlich ein Umweg“, verrät der Autor. „Aber einer, den ich gehen will, um zu zeigen, was Bibliothek auch ist. Ich hätte auch die Reißleine ziehen und den Abschnitt streichen können. Aber wenn man jedem Widerstand ausweicht, wird alles viel zu glatt.“

Hinzu kommt ein Motiv, dass alle Schreibenden kennen. Ein einmal gefundener Gedankengang für eine Geschichte aus dem Leben des berühmten Aufklärers, kristallisiert in einer Überschrift, wollte partout ihren Platz nicht räumen:

„Prolog oder ein Bibliothekar im Glück“

1572 erließ Herzog Julius zu Braunschweig-Lüneburg die erste Liberey-Ordnung in seinem außergewöhnlichen Büchertempel. Es dauerte nicht mehr lang, bis die Augusta weltberühmt war und die größte Bibliothek nördlich der Alpen wurde.
Hier finden Sie ein kurzes, aber beeindruckendes Video über die Bibliothek.

Die Hauptseite der Bibliothek

Peter Burschels Bibliothekarsglück in Wolfenbüttel ist mit einer Professur für Kulturgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit an der Georg-August-Universität in Göttingen verbunden. Die Forschungsschwerpunkte des Historikers finden häufig Eingang in seine Bücher, sei es die Geschichte der Utopie oder des Meeres, die Geschichte der interkulturellen Begegnung und der kulturellen Übersetzung, sei es manches zeitlos Unschöne wie die Geschichte des Rassismus, die kulturelle Codierung von Hautfarben, die Sozialgeschichte des Militärs oder sei es „Eine andere Geschichte der frühen Neuzeit“, Haupttitel „Die Erfindung der Reinheit“. Burschels Bücher sorgen gern für Überraschungen und stets für neue Lesarten des bekannt Geglaubten. Das hat einen Grund:
„Wir müssen Bücher schreiben, die auch gelesen werden.“

„Schreiben ist dein Freund. Manchmal ist er eigenwillig. Aber er ist auf deiner Seite.”

*

„Um es gleich zu gestehen ...“

SW Geständnisse gehören eher selten zur Grundausstattung wissenschaftlicher Texte. Doch in „Die Erfindung der Reinheit“ ‚gestehen’ Sie, auf Umwege und in Sackgassen geraten zu sein. Es liest sich zwar wie ein aufschlussreicher Reiseführer durch den Erkenntnisprozess. Aber auch hier mag die Frage gestattet sein: Wer will das wissen?

Peter Burschel Wir nehmen immer nur geglücktes Schreiben zur Kenntnis. Wir begnügen uns mit dem Ergebnis, ohne den Weg dahin zu beschreiben. Aber in der Wissenschaft gibt es weder gerade Wege noch in jedem Falle eindeutige Ergebnisse. Wenn ich aber erzähle, wie ich zu einem Sujet gekommen bin, dass es auch andere Wege gab und dass ich auch einmal nicht mehr weiter wusste und umkehren musste, beschreibe ich zugleich den eigentlichen Kern wissenschaftlichen Arbeitens.

Wer das wissen will? Es gibt zum Beispiel Menschen, die sich brennend für theologische Streitereien zwischen Franziskanern und Dominikanern interessieren, wenngleich sie ein solches Thema vielleicht nicht in einem Kriminalroman suchen. Wer sich hingegen nur für einen Krimiplot und nicht für Theologie interressiert, würde solche Passagen einfach überlesen. Umberto Eco hat diesen Spagat riskiert. „Der Name der Rose“ ist trotzdem ein im besten Sinne spannendes Buch. Wenn auch nicht jeder alles wissen will: Als Autor muss ich das aushalten.

Wie groß ist die Gefahr, sich auf Umwegen zu verlaufen oder dem schieren Chaos zum Opfer zu fallen?

Sackgassen können beim wissenschaftlichen Schreiben mitunter eine magische Anziehungskraft haben. Es ist aber keine Katastrophe, wenn ich auf einem meiner Umwege in eine Sackgasse gerate. Im Gegenteil. Es kann durchaus den Horizont erweitern. Ich muss allerdings noch fähig sein, die Reißleine zu ziehen, zurück zur Gabelung zu gehen und von dort aus den anderen Weg einzuschlagen. Dasselbe gilt für die Anfechtungen des Chaos. Es kann ein inspirierender Tausendsassa sein – wenn ich im richtigen Moment die Disziplin aufbringe, die Inspiration in überschaubare und stringente Bahnen zu lenken.

Das klingt alles sehr anstrengend. Sollte ich mir da nicht besser einen Plan zurechtlegen und den dann einfach abarbeiten?

Pläne schmieden kann man immer. Doch wenn man einmal begonnen hat zu schreiben, verändern sich Ideen und Gedanken, was aber kein Grund zur Sorge ist. Bei der ‚allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Schreiben’ hat man die beste Chance, die Balance von Chaos und Disziplin – oder von Kreativität und Plantreue – zu finden. Das zu wissen, erleichtert die Arbeit ungemein.

Und was tun Sie mit all den schönen Gedanken, Formulierungen und Begriffen, die auf Umwegen und in Sackgassen auf der Strecke bleiben?

Man versucht sie zu retten. Hat man sich einmal in eine Überschrift und in den Gedankengang, für den sie steht, verliebt, will man sie nicht aufgeben. Das erzeugt einen gewissen Druck, weil man die Behauptungen, die man aufgestellt hat, schließlich auch einlösen möchte. In solchen Situationen hat man mitunter schwere Entscheidungen zu fällen.

Wäre es da nicht einfacher, sich der geschriebenen Vergangenheit zu entledigen und neu anzufangen? Warum sollte es sich lohnen, die Geschöpfe der Sackgasse zu retten?

Es lohnt immer den Versuch, etwas zu retten, was einem selbst gut gefällt. Gefallen am eigenen Text erleichtert das Weiterschreiben. Allerdings darf man dabei das Publikum nicht aus den Augen verlieren und Gedankengängen folgen, die nur noch für einen selbst konsistent sind. Es gilt, diese Gedankengänge konsequent in das zu übersetzen, was man eigentlich mitteilen möchte.

Durch weite Bereiche der academia weht häufig ein leicht verhuschter Geist der Romantik inklusive Talentmythen und Geniekult. Das, neben anderem, beeinträchtigt bis heute und sogar bei Jüngeren nicht nur die Fähigkeit, sondern auch den Willen zur Verständlichkeit. Wie kommt man aus so einem Dilemma heraus?

Schreiben ist im Wesentlichen ein Handwerk, das man lernen kann. Wurde nicht immer behauptet, deutsche Fußballer könnten niemals so elegant spielen wie die leichtfüßigen Brasilianer? Natürlich können sie es. Man muss es ihnen nur beibringen.

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Beim Schreiben ist die Balance von Chaos und Disziplin, Spielbein und Standbein für Anfänger oft die schwierigste Herausforderung. Handwerk hilft auch hier, ist Peter Burschel überzeugt. Es hilft bei Struktur, Argumentationsstringenz, Konsistenz, Satzbau und Wortwahl. Handwerk erdet und ist auch denen ein Freund, die es eigentlich können. Es bewahrt sie davor, sich in dem Moment zu verknoten, in dem sie aufgefordert sind, „wissenschaftlich“ zu schreiben.

„Schreiben ist nicht der Feind, den man besiegen muss“, weiß der Autor Peter Burschel. „Schreiben ist dein Freund. Manchmal ist er eigenwillig. Aber er ist auf deiner Seite.”

Und so einsam das Schreiben mitunter sein kann, so gewaltig ist doch, was man dabei gewinnt. „Im Schreiben erreichen wir grenzenlose Freiheit, wie wir sie sonst nirgends gewinnen können.“

Ob Lessing sich wirklich gelangweilt hat, wissen wir nicht so genau. Zur Entschuldigung sei noch einmal Peter Burschels Buch „Die Erfindung der Reinheit“ herangezogen. Da zitiert der Autor gegen Ende den einstigen Hofhistoriographen eines bayerischen Kurfürsten mit der Feststellung: „Die Poesie ist sicher. Die Geschichtsschreibung ist es nicht.“

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