Wer sagt, dass man nur einen Beruf haben soll? Paulina Tsvetanova gründete der Krativagentur Paulina’s Friends, betreibt einen Zufallsladen und ist Galeristin. Außerdem schreibt sie Bücher und produziert Mode-Unikate nach eigenen Entwürfen. Stoffe und Muster kommen aus der halben Welt und sind auch so etwas wie Bücher – wenn man genau hinsieht.
Im „Booktalk“ erklärt die Autorin Paulina Tsvetanova, wie man Gäste in ein Buch einlädt und was dabei die meiste Arbeit macht.

Booktalk

Die Schnittstellenaktivistin

Zufallsexpertin Paulina Tsvetanova und ein Buch wie ein Basar

Susanne Weiss
Foto: Nela König (Ausschnitt)

Eine Stimme zum Buch
„Es ist reizvoll und anregend in dieser chaotischen Anordnung von Gedanken und Geschichten den Zufall nicht eingezingelt und festgelegt zu sehen, sondern ihm seine Größe und Freiheit zu lassen. Eine schöne Idee und immer wieder lesenswert für zwischendurch.“

Es dauert eine Weile, bis wir schließlich über Paulina Tsvetanovas Buch reden. Zuvor erfahre ich nämlich, dass ihre bulgarische Heimatstadt Plovdiv mit 8000 Jahren zu den ältesten Städten der Welt gehört und eine beneidenswerte Besonderheit aufweist. Man beherrscht dort eine Kulturtechnik namens Aylyak, mit der die Plovdiver schon auf die Welt kommen. Aylyak heißt soviel wie: Ihr armen Tölpel. Was verliert Ihr Euch in Hektik und Effizienzdelirien? Ihr rennt besinnungslos im Hamsterrad umher – als ob davon irgendetwas besser würde. Wir wär’s stattdessen mit kultiviertem Müßiggang, mit Genuss und auch mal Nichtstun, mit Flanerie und Geselligkeit? Plovdiv, so scheint es, ist ein guter Nährboden für kreative Ausnahmetalente. http://www.visitplovdiv.com/

Fotos: 1. und. 2. v.l. Nora Dal Cero; m: Frank Littmann; 2.v.r. Fashion Hall Berlin; r. Frank Littmann
MEHR MODE

Manchmal ist es das Buch neben der Mode, manchmal ist es die Mode neben dem Buch

„Viele Menschen haben eine Neigung zum Schubladendenken“ sagt Paulina Tsvetanova und lässt keinen Zweifel daran, dass sie das nicht klug findet. Man ist entweder das eine oder das andere, plant das ganze Leben durch, sucht Sicherheit in festen Kategorien – und verpasst das Beste. Zum Beispiel die vielen Zufälle, die das Leben bereichern, wenn man sie freundlich zulässt, anstatt sich ängstlich abzuwenden.

Womit wir beim Buch wären.
„Über das Glück des Zufalls“ ist ein geselliges Buch über ein unterschätztes Phänomen.

*

SW Wie kamst Du auf die Idee, ein Buch über den Zufall zu schreiben?

Paulina Tsvetanova Ich habe gelernt, dass die geraden Wege nicht unbedingt die besten sind und dass wir alle – ob wir es akzeptieren oder nicht – den Zufällen des Lebens eine Menge zu verdanken haben. Deshalb finde ich es schade, dass viele Menschen ihre eigenen Zufallsgeschichten kaum oder gar nicht beachten. Damit verpassen sie womöglich Chancen und Gelegenheiten, das große Glück zu finden.

Hast Du Dich deshalb entschlossen, Co-Autoren einzuladen?

Ja. Ich wollte andere ermutigen, Ihre Zufallsgeschichten ernst zu nehmen und darüber zu schreiben. Ich selbst schrieb die Hälfte des Buches mit Hintergrund- und Kontextwissen zum Thema Zufall. Die 35 Co-Autoren steuerten ihre Geschichten bei. Im lebendigen Geschichten-Teil des Buchs bin ich mit einer sehr persönlichen, emotionalen Geschichte vertreten.

Wie hast Du die Leute gefunden?

Ich startete eine Ausschreibung auf meinem Newsletter, in den sozialen Netzwerken und erzählte es allen und jedem. Es wurde weitererzählt und sprach sich schnell herum.

Wer antwortete?

Vor allem viele Künstler, Bildhauer, Malerinnen, aber auch Journalisten, einige Professoren und Professorinnen verschiedener Disziplinen – eine Nonne war auch dabei. Eine schillernd-schrille Mischung von Menschen unterschiedlichster Couleur.

Hast Du Deinen Mitstreitern Vorgaben zu Länge, Format oder Genre gemacht?

Nein. Die Autoren konnten einreichen, was sie wollten. Die meisten Texte sind Prosastücke, es sind aber auch einige Gedichte darunter. Das Buch sollte so etwas wie ein Basar werden – so wie mein Laden.

Wie hast Du als Hauptautorin und Herausgeberin die Texte bearbeitet?

Ich habe keine inhaltlichen Veränderungen vorgenommen, für die normale glättende Redaktion habe ich eine Lektorin beauftragt.

Ein Buch zu schreiben, ist schon per se kein Spaziergang. Was war die meiste Arbeit in diesem Projekt?

Die Kommunikation mit den Beitragenden ist in so einem kooperativen Projekt sehr aufwändig, auch, wenn alles gut läuft. Man muss immer darauf vorbereitet sein, zumindest ein Sorgenkind dabeizuhaben.

Und das liebe Geld?

Über Geld wurde gar nicht geredet. Es wurde auch nicht verlangt. Die Autorinnen und Autoren wussten, dass das Buch sie selbst nichts kostet, ihnen aber viel an nachhaltigen Marketing- und Netzwerkeffekten einbringen würde. Was natürlich auch für mich selbst gilt. Wenn man andere zu einem Buchprojekt einlädt, kann es am Ende weite Kreise ziehen. Heutzutage muss man als Co-Autor gelegentlich sogar damit rechnen, sich in ein fremdes Buch „einkaufen“ zu müssen. Man bucht es dann als Investition ins eigene Business ab.

Welche Vertriebswege gibt es?

Das eBook läuft über die üblichen Plattformen. Das gedruckte Buch verkauft sich vor allem bei Netzwerkveranstaltungen und im Laden, aber natürlich auch über amazon & Co.
Bei ‚Netzwerk’ denken wir ja automatisch an Online-Formate. Aber das beste Netz ist doch das echte, konkrete, bei dem Menschen zusammenkommen – die man so auch viel besser nach dem Zufallsprinzip zusammenbringen kann. Dabei verbindet sich manchmal wie von selbst, was wenige Augenblicke vorher noch nicht zusammenzupassen schienen.

Funktionieren Buch und Mode auf Dauer zusammen?

„Das überlasse ich dem Zufall.“

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Als ich wieder gehe, lerne ich noch, dass ich gerade eine aktive Rolle in einer Zufallswerkstatt gespielt habe.

Das Buch

Paulina Tsvetanova (Hrsg.) und (35) andere:

Vom Glück des Zufalls

Das Nichtstun genießen oder warum wir das Leben dem Zufall überlassen sollten. Oktober 2018

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Übrigens war Paulina Tsvetanova so nett, ungekehrt auch mir ein paar Fragen zu stellen. Die Antworten finden Sie hier:
Die Freiheit zwischen den Stühlen oder um die Ecke schreiben
Vielen Dank, Paulina!