Warten Sie immer noch auf den passenden Moment? Die optimale Bedingung? Beide sind selbstredend noch nicht eingetroffen. Das werden sie auch nicht. Da dürfen Sie ganz sicher sein. Viel zu viele Ablenkungen, E-Mails, die dringend beantwortet werden müssen, was noch? Sie werden schon was finden. Also lassen Sie das.

Ins Schreiben kommen

Mit dem Schreiben anfangen

Abschreiben, weiterschreiben, kritzeln

Susanne Weiss


Fangen Sie einfach an. Hören Sie auf, aufzuräumen, einen neuen Schreibtischstuhl kaufen zu wollen … dann werde ich  … fangen Sie einfach an, möglicherweise im Getöse der Stadt wie Charles Dickens, der erst im richtigen Trubel zu Höchstform auflief.
Schreiben lernen Sie ohnehin nur durch Schreiben – es gibt weder einen Umweg noch ein Abkürzung – also fangen Sie einfach an. Es sieht Ihnen doch niemand zu. Sie allein entscheiden, was Sie wann wem zu lesen geben.

Aber so weit sind wir noch nicht.

Es gibt ein paar ebenso simple wie wirkungsvolle Handwerkzeuge, mit denen Sie wirklich erst einmal anfangen zu schreiben. 

Abschreiben
Abschreiben? Nicht mein Ernst? Doch, allerdings. Das ist mein Ernst. Nehmen Sie einen beliebigen Text und schreiben Sie ihn ab. Es hat eine spektakuläre Wirkung. Sie schreiben nämlich einfach. Schreiben Sie mit der Hand. Dann macht Ihr Gehirn besser mit, genauer der motorische Kortex, der aktiv wird, wenn Ihre Hand die Buchstaben formt.

Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil empfiehlt, es gelegentlich einem Kenneth Goldsmith nachzutun, der sich dem „unkreativen Schreiben“ verschrieb und einmal eine Ausgabe der New York Times abschrieb. Er machte daraus ein Buch und nannte es „Day“. Es hatte 1000 Seiten.

Hören Sie Ortheil:

Der anregenden Idee von Goldsmith folgend, fangen wir unser Schreiben also damit an, dass wir eine Zeitung, Zeitschrift oder Broschüre auswählen, aus der wir einige Passagen, eine Seite, einen Artikel oder eine Auswahl bestimmter in ihr erscheinender Formate (Kurznachrichten, Neues aus aller Welt etc.) abschreiben. ( …) Früh morgens mit einem solchen Abschreiben eines vorliegenden Textes zu beginnen, lässt uns ruhig und fast anstrengungslos arbeiten.“

Es müssen aber nicht nur Nachrichten sein. Trauen Sie sich. Bitten Sie zum Beispiel Ihre Lieblingsdichterin zu dieser Übung. Horchen Sie dabei in den Text hinein und lassen Sie den Rhythmus im Gedächtnis nachschwingen. Es ist nicht nur eine gute Übung, ins Schreiben zu kommen. Einen Stil einzuüben, der Ihnen selbst gefällt, bringt Sie ein gutes Stück weiter auf dem Weg zum tapferen Schreiberlein. In der Klassischen Rhetorik ist die „imitatio“ ein ehrbares Werkzeug der Ausbildung.

Hanns-Josef-Ortheils „Mit dem Schreiben anfangen. Fingerübungen des kreativen Schreibens“, Berlin 2017, möchte ich jedem ans Herz legen, der womöglich an eine literarische Karriere denkt.

Weiterschreiben
Nehmen Sie einen anderen Lieblingstext zur Hand oder wieder etwas aus der Zeitung und legen Sie fest, bis wohin Sie abschreiben und ab wo Sie Ihren eigenen Text weiterschreiben wollen. Am einfachsten ist es, die Augen zu schließen und aufs Geratewohl mit dem Stift eine Stelle im Text zu markieren. Denken Sie gar nicht erst an so etwas wie Ehrfurcht. Sie befinden sich im Stadium der Fingerübungen und haben lediglich eines der Instrumente aus dem Werkzeugkasten geholt, die Ihnen die Angst vor dem leeren Blatt nehmen.

Zeitung umschreiben
Es macht ausgesprochen großem Spaß, sich einen Zeitungsartikel vorzunehmen und ihn umzuschreiben. Sie können einen Regierungschef durch ein Tier Ihrer Wahl ersetzen oder eine Nachricht über ein Charity-Projekt eines Konzerns in ein Märchen verwandeln. Es war einmal … Oder stellen Sie sich vor, die Koalitionsrunde, die gestern die Verstaatlichung jeglicher Industrie beschlossen hat, säße plötzlich in Ihrer Küche.

Kritzeln
Das Notizbuch ist immer in Reichweite. Sie könnn es wie Leonardo da Vinci am Gürtel befestigen. Wenn es eine Trägerlasche für den Stift hat, umso besser. Schöne Notizbücher sind ziemlich teuer und manchmal so schön, dass sie zum echten Schreibhindernis werden können. 

Meine Empfehlung für den Anfang: Besorgen Sie sich eine einfache Mappe mit Innentaschen, in die Sie jede Art Papier einstecken können.

Kritzeln und Notieren auf Papier sind durch kein elektronisches Tool zu ersetzen. Hand und Hirn bleiben in Bewegung. Lässt ein Wort sich Zeit mit dem Erscheinen, ist der Kringel ein Platzhalter. Vielleicht kommt eine gekritzelte Zeichnung hinzu. Im Hintergrund arbeitet das Gehirn auf der Automatik.

Freewriting
Manche schwören auf Freewriting, das Zungenreden auf dem Papier. Sie schreiben ungefiltert wahlweise 15 Minuten oder maximal auf einer halben DIN A4-Seite, was ihnen gerade so in den Kopf kommt. Die einen wählen als Ausgangspunkt ein einzelnes Wort oder einen zufällig gewählten Gegenstand. Andere wählen gleich ein Thema und betreiben damit „fokussiertes Freewriting“.
Es gibt zahllose Empfehlungen, wie herum man schreiben soll: von oben nach unten oder von links nach rechts. Ich stelle anheim.