Mehrabian und kein Ende

Gestern hörte ich es wieder: „Es kommt ja nicht so sehr darauf an, was ich sage, sondern mehr darauf, wie ich es sage.“ Nun, kann man so nicht sagen. Der Stoff für dieses Märchen geistert schon lange durch die coolen Stuben der „Kommunikationsexperten“. Es ist die sogenannte 7-38-55-Regel.


Sie bezieht sich ursprünglich auf gesprochene Vorträge. Aber sie hat in ihrer grotesken Missgestalt auch Bedeutung für das Schreiben. Die „Regel“: 55 % einer Botschaft würden durch Mimik und Gestik vermittelt. 38 % werden durch die Stimme und nur lächerliche 7 % durch den Inhalt selbst vermittelt. Das ist blanker Unsinn, wie der unfreiwillige Schöpfer dieser „Regel“, der US-Psychologe Albert Mehrabian, nicht müde wurde zu betonen. Aber es war die Stunde der Performer in den Agenturen. Inhalt ist anstrengend, Hauptsache die Oberfläche glänzt.

Mehrabian hatte Ende der 1960er-Jahre Trivialitäten bei der Reaktion auf gesprochene Sprache untersucht, die man unter der Überschrift „Der Ton macht die Musik“ zusammenfassen könnte. Auch der Gesichtsausdruck beim Sprechen fand Beachtung. Es ging ausschließlich – das betonte Mehrabian immer wieder – um die „communications of feelings and attitudes“ und keinesfalls um eine Aussage zu Kommunikation im Allgemeinen.

Das Zustandekommen dieser „Formel“, die schon so lange durch die Welt der „Kommunikationstrainer“ geistert, ist ein frühes Beispiel für die Entstehung von Fake News durch die willkürliche Komposition unverbundener Dinge und durch die grob falsche Interpretation von Forschungsergebnissen.

 

Trotz alledem

Sprachdefizite (Nicht vergessen: „Die Arbeit an der Sprache ist Arbeit am Gedanken.“ – Friedrich Dürrenmatt) sind an der Tagesordnung und schaffen immer häufiger Entlassungsgründe, während die Infantilisierung durch „Performances“ zur Illusion führt, man müsse sich nur richtig hinstellen und schon habe man den Job. Bereits 2009 warnte der Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) vor zu viel „Performance“ und zu wenig Inhalt. Ist der Inhalt gut, braucht es weder übertrainierte Gestik und Mimik noch „publikumswirksame“ Kleidung noch sonst wie „Performance“. Das wiederum war das Ergebnis einer Studie von VRdS, Deutscher Public Relations Gesellschaft (DPRG) mit dem Institut für Demoskopie Allensbach und dem Institut für Publizistik der Universität Mainz.