UNSCHÄRFE, WORTWÖRTLICH

WIE WIR METAPHERN OHNE REGELN VERSTEHEN UND DIE CHAOSKOMPETENZ DES GEHIRNS

Einen linguistischen Code zu knacken, ist nicht das Problem. Doch damit gewinnen wir noch keinen Sinn, erkennen keine Bedeutung, haben keinen Kontext, hören keine Beiklänge, nichts von der vermeintlichen Unordnung, die manch einem die Wirklichkeit so unerträglich unübersichtlich erscheinen lässt.
Seit der klassischen Antike versuchten die „Denker“ immer wieder, der Unschärfe und der Komplexität mit Systematisierungen aller Art und linearer Logik den Garaus zu machen. Diese Versuche haben sich tief in unsere „Geistes“-Geschichte eingeprägt und verbinden sich bis heute mit Namen, die bei vielen Ehrfurcht hervorrufen.
Dennoch blieben diese Konzepte nicht unwidersprochen. Robert Graves, ein britischer Altertumswissenschaftler, nannte etwa Sokrates einen „törichten Naturalisten“, und für den französischen Soziologen Bruno Latour war der griechische Philosoph wegen seines Größenwahns bei der Erklärung der Welt der erste Fall eines „mad scientist“. Der us-amerikanische Ethnologe Edward T. Hall findet, dass unser „westliches Denken seit Sokrates“ ein Defizitmodell ist, ziemlich eingeschränkt mit seinem linearen Denken, das alles ausblendet, was nicht in eine bestimmte, eher unterkomplexe Art von Logik passt. Was das mit Sprache zu tun hat? So ziemlich alles.

Dynamische Wörter im denkenden Netzwerk
Worte sind keine Dinge, mit denen etwas geschieht, sondern solche, die etwas tun. Sie sind sensorische Reize, die wie alle anderen sensorischen Reize auch bestimmte neuronale Zustände bewirken. Arthur Jacobs erklärt, was es damit auf sich hat:

„Die orthographischen, phonologischen oder semantischen Worteingeschaften entstehen so jedesmal kontextabhängig und dynamisch. Wörter haben also keine feste Bedeutung: Diese wird erst durch die Hinweisreize, die Schrift- und Lautbild bieten, für den jeweiligen Kontext konstruiert. Die Wortbedeutung ergibt sich bei jedem Lesevorgang neu auf der Basis einer dynamischen Koppelung von schriftlichen und lautlichen Assoziationsvorgängen, wobei der Re-konstruktion der lautlichen Aspekte eines Wortes entscheidend für die Konstruktion seiner Bedeutung ist.“ [i]

So wenig die Wörter in einem Lexikon liegen, so wenig ist unser Gehirn ein Kataster. „Rationale“ Listen und hierarchisch organisierte Sinnsysteme sind ihm fremd. Es  arbeitet vielmehr netzwerkartig, massiv parallel, überlappend, hier und da assoziierend und mit zahllosen Bedeutungs- und Sinnclustern, die einander ergänzen und / oder überschneiden. Nun sind aber die Dinge in jedem Gehirn ein bisschen anders geordnet und belegt.
Andere Erfahrungen und andere Bewertungen von Erlebnissen können zu manchmal erheblichen, bisweilen aber auch nur zu allerfeinsten Unterschieden in den Assoziationen und Konnotationen führen, die ein Wort mit Bedeutung anreichern.
Das Assoziationsspektrum ist unerschöpflich und hängt stets vom individuellen Erfahrungs- und Gedächtnisschatz eines Menschen ab.
So lässt sich auch erklären, dass Aussagen von Personen zu ein und demselben Ereignis vollkommen unterschiedlich sein können.
Es ist keine Frage, ob der eine Zeuge lügt oder kurzsichtig ist und der andere nicht. Unser Gehirn interpretiert das Erlebte vor dem Hintergrund der je eigenen Lebensgeschichte. Dasselbe geschieht mit „eindeutigen“ Aussagen oder „Fakten“. Das Gehirn arbeitet immer selektiv, blendet bestimmte Wahrnehmungsinhalte aus, andere werden verstärkt. Lösen können wir solche Probleme, wenn wir uns dieser Tatsachen bewusst sind und auf dieser Basis und mit geteiltem Weltwissen gemeinsam Aushandlungsprozesse gestalten. 

Polysemie und Homonymie
Unschärfen in der Bedeutung der Wörter begleiten uns täglich, aber es bereitet uns keine Mühe, damit umzugehen. Polysemien und Homonymien sind dabei noch ganz harmlose Unschärfen. Von Polysemien sprechen wir, wenn ein Wort mehrere Bedeutungen hat. Sie können unter Umständen durch einen gemeinsamen Nenner verbunden sein, müssen aber darüber hinaus nichts miteinander zu tun haben. Eines der Paradebeispiele der Linguisten ist das Wort „stehen“. Der Baum steht im Wald, Unterdrückte stehen gegen Ungerechtigkeit auf, ein Wort steht geschrieben. Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen. Wenn dann noch eine Homonymie, ein Wort mit einer Doppelbedeutung, hinzukommt, erleben wir, dass zum Beispiel eine Bank im Park steht oder eine Bank im Ansehen der Bevölkerung nicht gut da steht.

Auflösen können wir derlei Doppeldeutigkeiten nur mit Hilfe erlernter Kontexte. Andernfalls gerieten wir auch prompt in die Bredouille. Denn von unseren hundert meistgebrauchten Wörtern ist der überwiegende Teil mehrdeutig. Ohne Kontexte können wir also keine Bedeutung zuweisen. Kosten kostet nichts.

Metaphern und Kontexte
Nachdem wir nun schon auf die feste Beziehung des Wortes zum Ding und damit auf seine feste Bedeutung verzichten mussten, kommt es noch schlimmer: Die Metapher steht vor der Tür. Von den Matadoren des reinen „Geistes“ denunziert als bloße rhetorische Figur und als Feindin von Wissenschaft und Wahrheit ohne jeden Gehalt, ist sie unter allen Sprachfiguren die unverzichtbarste. Noch 1989 forderte ein Literaturwissenschaftler ein Metaphernverbot für wissenschaftliche Texte.[ii]Doch ohne Metaphern käme nicht einmal die Wissenschaft sehr weit, ohne Salatköpfe und Stuhlbeine, ohne Junggesellen und Buchstaben, ohne Dachzeilen und Niveauunterschiede … das alles sind Metaphern. Arthur Jacobs nennt ein launiges Beispiel für unsere Abhängigkeit von Metaphern:

Wir essen ein Frühstücksei.

Es würde ganze Buchkapitel brauchen, einen solchen Vorgang metaphernfrei zu beschreiben. Ohne Metaphern sind wir unfähig, abstrakte Ideen zu artikulieren, weil wir als Menschen unrettbar dem Konkreten verhaftet sind. Selbst die Abstraktion liegt an der Kette des Konkreten, wenn wir nämlich etwas von etwas wegziehen. (abstrahere, lat. wegziehen) Es sind die Metaphern, welche die Ideen an die Welt binden,­ wenn die Ideen denn welttauglich sind.  Aber manchem reinen „Geist“ mag es eine untragbare Last sein, sich dem Druck der Welttauglichkeit auszusetzen. Wer weiß, was man ihm noch alles an den Kopf wirft.

Wie unser Wort ist die Metapher ein wenig unscharf. Aber den chaoskompetenten Eigenschaften unseres Gehirn sei Dank, können wir Metaphern nicht nur ad hoc bilden, sondern sie auch interpretieren, ohne dass wir dafür Regeln brauchen. Zum Glück. Es gibt nämlich keine Regeln.

Dabei spielt es keine Rolle, ob die Matapher im wörtlichen oder im übertragenen Sinne daherkommt.  Das Gehirn assoziiert ununterbrochen und ruft in rasender Geschwindigkeit alle möglichen Bedeutungen und Gedächtnisinhalte zusammen, um die Aufgabe zu meistern. Wir können ja einmal versuchen, den Satz (oben unterstrichen) mit der untragbaren Last für die klugen Köpfe und reinen Geister „rational“ zu analysieren und metaphernfrei umzuformulieren. Wie lange wir dafür wohl brauchen würden?

„Die eigentliche Erkenntnisarbeit wird von der Metapher geliefert, die das genaue Gegenteil eines ‚bloß rhetorisch interessanten’ Ausdrucksmittels ohne jeden kognitiven Gehalt ist“, erklärt Jacobs. Nicht mit Listen, sondern mit einander überlappenden Kreisen, nicht mit fester Bedeutung, sondern mit Unschärfe, nicht mit Hierarchien, sondern mit Hyperkomplexitäten und mit unerschütterlicher Chaoskompetenz drehen wir täglich und immerzu den „törichten Naturalisten“ mit all ihren Sachlichkeitsattitüden und Metaphernverboten eine ziemlich lange Nase.

Eindeutigkeit und wörtliche Bedeutung sind immer die Ausnahme.

Wenn wir das nächste Mal einen Text schreiben, tun wir es vielleicht ein bisschen bewusster und eingedenk der Tatsache, dass ein Wort nicht unser Privateigentum ist, dem wir allein seine Bedeutung zuweisen. Es gehört auch allen anderen. Und andere mögen eine andere Interpretation bevorzugen als wir selbst, weil sie eine andere Geschichte haben. Das heißt nicht, dass wir hilflos am Gängelband sensorischer Reize und böser Manipulatoren hängen. Es heißt auch nicht, dass wir uns nicht mehr vernünftig verständigen können, weil jede Person etwas anderes versteht als eine andere.

Selbstverständlich gibt es große Deckungsmengen in der Art, wie wir Wörtern Bedeutung zuschreiben. Aber wir können es nicht allein im stillen Kämmerlein. Wir brauchen dazu einen Rahmen, einen kulturellen Kontext. Was es mit der Interpretation von Wörtern und Metaphern und beides mit der uns umgebenden Kultur  auf sich hat, lesen Sei in einem der nächsten Beiträge.

[i]Schrott, Jacobs, 2011
[ii]Weinrich, Harald, Formen der Wissenschaftssprache, Jahrbuch 1988 der Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Berlin 1989