TIPPEN MACHT DUMM ODER DAS LOB DER HANDSCHRIFT

Die Nachrichten sind alarmierend. Immer weniger Schulkinder sind noch in der Lage, einen Stift zu halten, um damit zu schreiben. Die motorischen Fähigkeiten lassen nach und die Fingermuskulatur verkümmert, was weitere Defizite nach sich zieht.

Das ist das eine.

Das andere ist noch schlimmer. Das Erinnerungsvermögen lässt nach, das Denken insgesamt geht auf Sparflamme, weil wir nur noch tippen und wischen. Aber beim Tippen werden sehr viel weniger Hirnregionen beschäftigt als beim Schreiben mit der Hand.

Schreiben und Denken

2014 präsentierten Pam A. Mueller (Princeton University) und Daniel M. Oppenheimer (UCLA) 65 Probanden Videos von Vorträgen und baten je die Hälfte von ihnen, sich per Tastatur oder per Hand Notizen zu machen. Nach einer Pause überprüften sie, wie viele Informationen die Studierenden im Gedächtnis behalten hatten. Reines Faktenwissen merkten sich beide Gruppen zwar gleich gut.

Aber: Bei Fragen nach dem Verständnis komplizierter Zusammenhänge zeigten diejenigen, die mit der Hand geschrieben hatten, deutlich bessere Ergebnisse.

Mit anderen Worten: Das Tippen fördert den kompilatorischen Stil, der heute schon vielfach das analytische Denken ersetzt. Das Schreiben mit der Hand hingegen fördert das Denken.

Mueller und Oppenheimer nannten ihren Aufsatz in einem Fachjournal „The Pen Is Mightier than the Keyboard“.

Was war geschehen?

Die Probanden mit dem Rechner hatten ganze Passagen einfach abgeschrieben. Die Notizen derjenigen, die mit der Hand schrieben, waren deutlich kürzer. Sie waren zudem in den eigenen Worten der Studierenden formuliert. Je weniger originalgetreu die Teilnehmenden etwas niedergeschrieben hatten, desto besser beantworteten sie anschließend die Fragen des Forschers und der Forscherin zum Gehörten. In weiteren Untersuchungen wurde der Befund bestätigt.

Dass die Computergruppe schlechter abschnitt, hatte übrigens nichts mit ablenkenden Effekten der Maschine zu tun.
Das Schreiben mit der Hand erlaubt es, Gehörtes gedanklich zu übertragen und neu zu strukturieren. Die Schreibforschung weiß, dass nicht nur die Motorik des Schreibens für den Einprägungswert verantwortlich ist. Die intensivere kognitive Verarbeitung des Lernstoffs geschieht auch dadurch, dass er nicht nur verstanden, sondern beim Schreiben auch wieder in umgekehrter Richtung bearbeitet werden muss.

Wer mit der Hand schreibt, liest besser

Das Training der Feinmotorik beim Schreiben hat Einfluss auf die genaue Wahrnehmung von Mustern. Um genau diese Fähigkeit geht es beim Lesen. Kinder, die mit der Hand schreiben lernen (schon seltsam, dass man heute tatsächlich von Alternativen dazu ausgehen muss), lernen auch schneller lesen.

Diese Fähigkeit bleibt auch dann erhalten, wenn man in kurzer Zeit viel lesen und das Gelesene dann auch verstehen muss.

Während des Lesens sind genau diejenigen Hirnregionen aktiv, die auch beim Schreiben mit der Hand aktiv sind – die motorische Bewegung wird im Gehirn gespeichert. Beim Tippen reduziert sich das auf gleichförmiges Drücken einer Taste, das Komplexitätsniveau der neuronalen Verbindungen wird heruntergefahren. Es ist also nicht wirklich ein „Fortschritt“, nicht mit der Hand zu schreiben. Schreib- und Artikulationsdefizite durch Autoergänzungen, Autokorrekturen und Rechtschreibprogramme, die das Lernen scheinbar überflüssig machen, nehmen rasant zu. Schöne neue dämliche Welt.