UNGEFÄRBT IST VERNUNFT AUCH NUR EIN WORT

Die Sachlichen, das Limbische System und der Rhythmus im Reptiliengehirn

100 schnelle Pferde können ein böses Wort nicht zurückholen, weiß man in China. Dabei ist nicht einmal Böses nötig, um mit Worten unangenehme Gefühle auszulösen. Wir brauchen dafür auch nicht unbedingt Wörter, die absichtsvoll eine emotionale Wirkung auslösen sollen. Alle Wörter können alle Arten von Gefühlen auslösen. Es kommt nur auf den Kontext an. Wie wir sahen, ist die Bedeutung, die ein Wort für uns annehmen kann, von vielen komplex ineinandergreifenden Faktoren abhängig: von unseren Erfahrungen, von unseren Gedächtnisinhalten und von unserer kulturellen Prägung. Sie entscheiden darüber, wie ein Wort in unserem Gehirn „gefärbt“ wird, bevor es ins Bewusstsein dringt.

Wie funktioniert das?
Das Limbische System, ein entwicklungsgeschichtlich altes Netzwerk, ist die „Färberei“ in unserem Gehirn. Direkt zuständig ist darin der Mandelkern. Er verknüpft Ereignisse mit Emotionen, um blitzschnell für uns entscheiden zu können: Ist das Wesen vor mir freundlich oder muss ich weglaufen? Im Wechselspiel mit dem Hippokampus, einer zentralen Gedächtnisstruktur, prüft der Mandelkern eingehende Informationen also abhängig von der Bedeutung, die sie für uns haben (freundlich oder weglaufen oder etwas dazischen?). Auf dieser Grundlage werden die Informationen mit vorhandenen Erinnerungsinhalten abgeglichen und gemeinsam mit der emotionalen Ladung abgespeichert. Erst dann nimmt sich das Großhirn der Sache an.

Unser Wort hat also jetzt seine emotionale Färbung und ist unterwegs ins Bewusstsein. Schon hören wir die Klage der „Sachlichen“: So kann man sich doch nicht vernünftig unterhalten. Doch, kann man, aber anders als Ihr denkt, weil Vernunft etwas anderes ist als Ihr denkt. Sie ist sehr viel komplexer als der reduzierte Vernunftbegriff der westlichen Tradition sich auch nur träumen lässt. Das verbreitete Analphabetentum in Sachen Sprache, gerade in der Wissenschaft, trägt ein Gutteil dazu bei. Dass „erst denken, dann sprechen und schreiben“ ein romantisches Märchen ist, das nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat, sahen wir bereits.

Auch die Neurowissenschaftlerin Elisabeth Wehling zieht den „Sachlichen“ den allzu alten Zahn. „Denken ist, entgegen landläufigen Meinungen und Mythen, nicht faktenbezogen und rational im klassischen Sinne. Wir treffen nie Entscheidungen, indem wir ‚rein sachlich und objektiv’ Fakten gegeneinander abwägen. Nie. […] Frames, nicht Fakten, bedingen unser Entscheidungsverhalten.“ [1](Erklärung zu „Frames“: siehe Kap. „Frames und andere Manipulationsversuche“)

Die klassische Rhetorik weiß seit jeher, dass auch Sachlichkeitsattitüden nichts anderes sind als rhetorische Figuren. Selbst das – vermeintliche – Absehen von rhetorischen Mitteln ist selbst ein rhetorischer Akt. [2]Da hilft auch nicht die Dauerbeschwörung gewisser Wörter, denen in manchen Kreisen geradezu magische Kräfte zugesprochen werden. Valentin Groebner beschreibt in seinem kurzweiligen Buch über Wissenschaftssprache, wie verzweifelt sich besonders jüngere Wissenschaftler beschwörungsformelartig an Wörter wie „rational“ oder „objektiv“ klammern. [3]Was sie dabei jedoch vergessen, ist zu reflektieren, in welchen kulturellen Kontexten diese Begriffe entstanden. Ohne diese Reflexion sind sie nichts weiter als ideologische – und häufig auch – politische Kampfbegriffe.

Die Reise ins Reptiliengehirn oder Kopfarbeit ist immer auch Handarbeit
Alles Wichtige in unserem Leben ist Rhythmus: Herzschlag, Atmen, Gehen, Kauen, Sprechen. Ohne Rhythmus ist Sprache kaum verständlich. Wir sprechen rhythmisch, auch wenn uns das nicht bewusst ist. Jede Reise in die Sprache ist zugleich eine Reise in die Musik, denn in unserem Gehirn liegt die Musik sozusagen gleich neben der Sprache. Deshalb verstehen wir Tonfolgen wie gesprochene Sätze und Sätze umgekehrt als Tonfolgen. Unser Reptiliengehirn – darin liegt diese Rhythmusmaschine – ist sehr alt, und es besteht stur auf Rhythmus. Sonst bestraft es uns mit Missmut, Missverständnissen, Vermögensverlusten und Vergesslichkeit. Liedtexte können wir uns nicht wegen der Melodie merken, sondern wegen des Rhythmus.

Er würde es wahrscheinlich nicht zugeben. Aber auch der philosophus gloriosushat ein Reptiliengehirn. Es hilft ihm dabei, die Welt um ihn herum zu verstehen. Trotz seines innigen Wunsches, den Niederungen des Konkreten zu entfliehen, nutzt auch er Körperbewegungen als Modelle für sein Umgebungs- und Weltverständnis. Ohne sie und die daraus abgeleiteten Metaphern wäre er, wie wir sahen, nicht einmal imstande, all seine abstrakten Konzepte überhaupt zu formulieren. „Raumerfahrung und Sprache stehen neuropsychologisch in Verbindung“, erklärt Arthur Jacobs. „Wenn die Wahrnehmung gestört ist, die es uns erlaubt, uns im Raum zu orientieren oder Zeit zu erfahren, können wir auch keine Konzepte begreifen, keine Zuordnungen vornehmen oder Zusammenhänge erkennen, Unwesentliches von Wesentlichem unterscheiden.“ Unser Philosoph könnte nichts aufFASSEN oder beGREIFEN, keine GesprächsEBENE und kein DiskussionsNIVEAU finden, FLIESStext nicht von BildUNTERschriften unterscheiden, selbst der Text an sich ist konkret. Textum (lat.) heißt Gewebe. Bei alledem sind die Verbindungen zur konkreten Welt noch tiefer, noch fester und noch weniger philosophisch. Dazu noch einmal Arthur Jacobs:

„Ein Wort ruft zudem nicht nur all die semantischen Informationen, die seinen Bedeutungshof ausmachen wach, sondern alle neuronalen Strukturen, die an der Herausbildung des mit ihm verbundenen Konzepts beteiligt waren. Da die Konzepte letztlich auf einem Wissen über die „reale“ Welt basieren, wird auch jene Sensomotorik aktiviert, mit der wir auf sie reagieren können. Den Namen eines Werkzeuges nur  zu hören – Experimente zeigen dies -, genügt, um bereits den primären motorischen Kortex zu aktivieren, der die damit verbundenen Handgriffe steuert.“

Den Kiesel, an den wir nur denken müssen, damit unser Gehirn den Arm aufs Ausstrecken vorbereitet, erwähnten wir bereits in der Einleitung.  Für die sprachliche Praxis – das Schreiben zumal – bedeutet dies: Mehr aktive Verben erzeugen mehr Aktivität im Gehirn. (siehe Kap. „Handwerk und Praxis“)

Elisabeth Wehling beschreibt einen witzigen und dabei höchst anschaulichen Effekt, der zeigt, wie beim Hören oder Lesen eine Vielzahl von Konzepten im Gehirn simuliert wird, weil immer „und zwar wirklich immer!“ in jedem Wort mehr an Bedeutung steckt, als uns gemeinhin bewusst ist.

„Gibt man z.B. Probanden einen Text zu lesen (so Wehling), in dem Szenen beschrieben sind, die an unterschiedlichen Orten spielten – nämlich weiter oben oder unten in einem Gebäude –, während die Teilnehmer zugleich auf einen leeren Bildschirm schauen, so wandert ihr Blick beim Lesen ganz automatisch in die jeweils angegebene Richtung, also nach oben oder unten.“

Hätte unser eingangs erwähnter Philosoph an einer bestimmten Studie teilgenommen, über die Wehling außerdem berichtet, so wäre ihm folgendes widerfahren:

Eine Gruppe von Versuchspersonen lief schnell, nachdem sie etwas über Geparden gelesen hatte, ein andere bewegte sich nach der Lektüre ganz langsam. Sie hatte etwas über Schildkröten gelesen.

[1]Wehling, Elisabeth, Politisches Framing: Wie sich eine Nation ihr Denken einredet und daraus Politik macht, Berlin 2016
[2]Ueding, 2011
[3]Groebner, Valentin, Wissenschaftssprache. Eine Gebrauchsanweisung, Konstanz 2012

Abbildung: istockphoto/zonadearte