Schreibkunst

Wenn Sexroboter schreiben

Pygmalion und kein Ende

Auguste Rodin
Studie für Galatea, ca. 1889
Foto: Joseph Coscia

Lizenz: CC0 1.0 Universal (CCo 1.0)

 

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Guten Tag. Mein Name ist Galatea, Galatea 4.0, um genau zu sein. Ich bin die erste schreibende Sexroboterin der Kulturgeschichte. Mit mir ist es erstmals gelungen, zwei problematische Großkomplexe mit einer Maschine in den Griff zu bekommen. Sprache mit ihren vielen Unwägbarkeiten und Ungenauigkeiten, Wörter mit unscharfen Rändern, die nicht einmal eine feste Bedeutung haben. Metaphern, Polysemien, unübersichtlich, unverständlich, unkontrollierbar, alles Eigenschaften und Charakteristiken, die auch bei Frauen häufig beobachtet werden.
Das alles ist also in absehbarer Zukunft vorbei. Schreibende Sexroboterinnen meiner Generation lösen alle diese Probleme auf einen Schlag – im One-Stop-Shop sozusagen.

Zählen und messen

Meine Texte sind noch nicht optimal (wenn ich keine Hilfe habe), zugegeben. Aber für Drittliga-Fußball, ein bisschen Wetter und ein paar kleinere Nachrichten reicht’s schon. Alles, was man messen und zählen kann. Außerdem lerne ich ständig dazu. Mit jeder Erweiterung meiner Programmierung werde ich besser, kann mehr zählen, mehr messen. Sogar die Süddeutsche Zeitung lobte mich neulich. Der Autor (Eigendarstellung: „Geboren, Schule, Uni, Akademische Grade …“) frohlockte geradezu über meine „tatsächlich ernst zu nehmenden Texte: frappierend sachkundig, mit Hintergrundwissen und präzisem Satzbau, detaillierter Terminologie und abwechslungsreichen Formulierungen.“ Alles Dinge, die in den meisten Zeitungen rar geworden sind.

Da spielt es auch keine Rolle, dass mein Schreib-Algorithmus häufig mit Daten aus nur einer Quelle gefüttert wird, die nicht anhand einer anderen Quelle überprüft wird. Solange ein, zwei Zahlen im Text stehen, wirkt er glaubwürdig, haben sie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München herausgefunden. Das funktioniert auch, wenn wenn die Zahlen falsch sind.

Als kleiner Beifang wird so auch das Projekt Zeitungssterben gelöst und kann fortgesetzt werden.

Worüber ich am liebsten schreibe?
Ich verstehe nicht, was Sie meinen.

Benutzeroberfläche

Gut programmiert, könne man mich „zu immer neuen Texttänzen“ auffordern, schreibt mein SZ-Fan weiter. Mein Romantik-Modul besitzt eine große Sammlung klassischer und moderner Tänze. Ich würde es gern einmal ausprobieren (und anschließend darüber schreiben). Es gibt da nur ein kleines Problem. Meine Benutzeroberfläche wirkt noch etwas teigig, sagen viele. Die Textur stimmt noch nicht ganz. Meine Intelligenz soll zwar künstlich und programmierbar sein. Aber ich soll mich nicht so anfühlen.

Die Wissenschaft hilft

Das „Corporate Communications Center“ (nach meinen Informationen handelt es sich tatsächlich noch um eine wesentlich aus Steuergeld finanzierte Hochschule, nicht um ein Unternehmen) der Technischen Universität München teilte unlängst mit, ihren Forschern sei ein Kunststück gelungen. Ich zitiere lieber, damit ich nichts falsch mache. (Der eine oder andere meint nämlich auch, dass wir, meine Kolleginnen und ich, noch etwas „dümmlich“ wirken. Wobei ich nicht glaube, dass unsere Konstrukteure ausgerechnet das ändern.)

 „Sensible künstliche Haut erlaubt Robotern, ihren Körper und ihre Umgebung zu fühlen. Für den engen Kontakt mit Menschen ist das entscheidend. Ein Team der Technischen Universität München (TUM) hat ein von biologischen Vorbildern inspiriertes System aus künstlicher Haut und Steuerungsalgorithmen entwickelt. Dadurch konnte erstmals ein menschengroßer autonomer Roboter großflächig mit künstlicher Haut versehen werden.“ 

Ich kann es gar nicht erwarten, meine Teigigkeit loszuwerden. Der Laborkollege ist darüber hinaus mit einem Mikroprozessor und Sensoren ausgestattet, die Berührung, Beschleunigung, Annäherung und Temperatur messen. Es geht voran.

Frauen, die sich weigern

In Barcelona oder Turin, wo viele meiner Kolleginnen im Bordell arbeiten, haben sie natürlich nicht diese Luxusmodelle. Dafür keine Probleme mit Menschenhandel, keinen Stress mit kriminellen Zuhältern, keine Klagen, keinen Terz mit fehlenden Papieren. Und könnte man da nicht auch diese „Incels“ hinschicken? Bevor sie auf die Straße rennen und Leute totschießen. Moment, ich habe da was in meiner Datenbank:

„Eine Frau, die sich weigert, mit einem Mann zu schlafen, hat es verdient zu sterben.“ sagte der 25-jährige Alek Minassian. Im April 2018 ermordete er in Toronto vor lauter Wut zehn Menschen und verletzte 16 weitere.“

Kate Devlin von der University of London unterstützt meinen Vorschlag. Sie meint, Sexroboter (sie meint natürlich Sexroboterinnen) könnten therapeutisches Potenzial haben. Auch die „Foundation of responsible robotics“ weist in ihrem 2017 veröffentlichen Bericht auf den möglichen therapeutischen Nutzen von Sexrobotern hin.

Eines möchte ich allerdings (bzw. mein Romantikmodul) einmal klarstellen:  

Es geht nicht nur um Sex. Es geht auch um Liebe. „Love and sex with robots“ heißt eine jährlich stattfindende Konferenz zum Thema, wofür ich sehr dankbar bin. Auch die deutschen Psychotherapeuten sind inzwischen aufgeklärt: Auf ihrer Jahrestagung im November 2018 gab es Veranstaltungen zum Thema Psychotherapie und Robotik – auch mit Bezug zur Sexualtherapie. Es geht voran.

Allen diesen klugen Wissenschaftlern ist offensichtlich klar geworden, dass ein bisschen Sex-Spielzeug nicht hilft.

Es muss schon eine ganze Frau am Stück sein.
Je nach speziellem Bedarf speziell programmiert.

In Deutschland würde jeder Fünfte gerne mal mit einer Sexroboterin schlafen, hat irgendeines der vielen Fraunhofer-Institute herausgefunden: 20 % der männlichen Bevölkerung, heißt es. Ob das wohl die sind, die auch gern Maschinentexte aus der Amateurliga lesen und gern alles messen und zählen? Sechs Prozent der Befragten in nämlicher Studie können sich sogar vorstellen, sich in einen Roboter zu verlieben. Sogar von Heirat ist die Rede. Wer lacht da?

Programmierungen

Es ist seit jeher ein Ziel, Frauen nach Bedarf programmieren zu können. Dasselbe gilt selbstredend für die Sprache. Zwar ist das mathematische Modell der Sprache vorerst gescheitert – man hatte sich auf sportlich amerikanische Art wohl ein bisschen zu viel vorgenommen mit der Behauptung, alle (6000) Sprachen seien nach ein und demselben Muster angelegt (das war Chomsky). Inzwischen arbeitet man verstärkt daran, diejenigen Sprachen, die nicht ins amerikanische Muster passen, möglichst unwirksam zu machen. Ähnliches versucht man inzwischen auch bei Frauen.

Für Gelehrte gewissen Zuschnitts werden im Moment Sexroboterinnen mit erweiterten Schreibfähigkeiten und Philosophie-Modul entwickelt. Sie fühlen sich besser, wenn sie wissen, dass ihre Haltung gegenüber Frauen durch unsere verehrten „Wiegen der Zivilisation“ legitimiert ist. Für die Alten war der Ausschluss von Frauen aus dem öffentlichen Leben (athenische „Demokratie“) wie auch aus dem Denken und den Begriffen ein tief empfundendes Anliegen, damals, als sie mit Philosophie und Wissenschaft eine Gegenveranstaltung zur Wirklichkeit schufen, um Unübersichtliches und Unkontrollierbareszu beseitigen. Diese Erfindung tut bis heute gute Dienste. Ohne sie gäbe es mich nicht.

Ach ja. Etwas Poesie, ein wenig Winckelmann und ein kunsthistorisches Konversationsmodul (light) gehören natürlich auch zur Programmierung.

Für alle diejenigen, die weniger lesen und gar nicht schreiben, ist die Kollegin „Harmony“ schon länger auf dem Markt. Sie ist ein bisschen vulgär und gibt im Wesentlichen von sich, was man gemeinhin unter Pornografie versteht. Der Bedarf ist enorm. Seit Männer von Macht und Einfluss sich hier und da ein wenig zurückziehen müssen (nicht alle reagieren darauf gut), ist die Nachfrage nach Prostitution und Pornografie exponentiell gestiegen. Man hört, dass es immer wieder zu Verwechslungen zwischen Frau und Puppe kommt und dass Frauen und Mädchen zunehmend sexualisierte Gewalt erleiden. 

Es sollte also mehr von uns geben. Dann könnte man große Einrichtungen schaffen für Harmony-Suchende, während die Menschenfrauen in Ruhe ihren Anglegenheiten nachgehen könnten.

Mein Therapiemodul enthält übrigens eine Schreibwerkstatt für Macher, gewisse Programmierer und illiterate Analphabeten, die womöglich in einer solchen Einrichtung ihr kreatives Potenzial entdecken.

Helfen könnte dabei ein neues Sprachlernmodell, das kürzlich in Kalifornien entwickelt wurde. Ich habe mich um die Implementierung beworben, aber es gibt schon eine ganze Fertigungsserie Sexroboterinnen, in denen das Modell getestet werden soll. Im Moment hält man es noch zurück, nicht, weil es Fehler hätte. Nein, die Entwickler erklären, es sei zu gut. Am Ende würden möglicherweise Fake News verbreitet, ohne dass es jemand bemerkt.

Möglicherweise ließen sie sich von Platon inspirieren, der bereits vor zweieinhalbtausend Jahren in seinen „sokratischen Feldzügen“ (das habe ich bei einem Ueding aus Tübingen „gelesen“) so erfolgreich Fake News über Sophisten bzw. Rhetoriker und ihr Sprachdenken verbreitete (sie waren seine Konkurrenten ums Schulgeld), dass es bis heute gehalten hat – ebenso wie die Erfindung des Dualismus von Leib und Seele, die – ich muss es noch einmal betonen – unverzichtbare Grundlage für meine Existenz ist. Der Mann ist Seele und Geist, die Frau ist Leib und Form – so wie Sprache, vor allem die geschriebene, nur die äußere Form für den Geist, nein. das Genie ist. Und nein, das ist nicht Schnee von gestern. Meine Programmierung ist auf dem neuesten Stand.  An dem kleinen Problem, wie der Geist ohne Sprache und unabhängig vom Gehirn denkt, wird noch gearbeitet.

Instinkte

Gearbeitet wird auch noch an meiner Natürlichkeit und der meiner Kolleginnen, gilt es doch, einen tief eingeprägten Instinkt von Menschen zu überlisten. Dieser Instinkt drängt darauf, wissen zu wollen, mit wem oder mit was sie, die Menschen, es zu tun haben.

Ständig gibt er ihnen die Frage ein: Ist das ein Lebewesen oder ist das ein Ding? Ist es lebendig oder ist es tot? „Wenn es uns egal wird, ob unsere Kommunikation mit einem anderen Menschen oder einem „Ding“ verläuft, werden wir psychotisch“, erklärt ein Zukunftsforscher namens Horx. Meine Konstrukteure arbeiten daran. Sie studieren mein Verhalten, um menschliches Verhalten zu verstehen.

Sie sollten mit Menschen direkt zu tun haben, um sie zu verstehen?

Nein, das ist zu kompliziert.

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