Die Kunstform der menippeischen Dissertation

Junge Menschen, die in die Academia eintreten, müssen sprachlich erzogen werden. WissenschaftssprachlicheAnforderungen müssen vermittelt und eingehalten werden. Das ist ganz entscheidend für den Studienerfolg. Aktive Sprache oder gar „Verständlichkeit“ haben hier nichts zu suchen. Es ist daher insgesamt ein glücklicher Umstand, dass 63,3 % aller Studierenden fürchten, diesen Anforderungen nicht gerecht werden zu können. Umso stärker ist ihr Motiv, sich der rechten Sprache zu befleißigen und gar nicht erst zu versuchen, zu irgendeiner Art von „Verständlichkeit“ vorzudringen. Derlei Flausen produzieren ja gerade die kognitiven Oszillationen, die die armen jungen Menschen in eine derart unangenehme Lage bringen.

Der Erwerb wissenschaftlicher Schreibkompetenz wird von uns als Sozialisationsprozess betrachtet, bei dem Lerner (sic!)aus einem Sozialsystem mit systemspezifischer Kultur in ein anderes wechseln und bei dem sie den Anforderungen und Erwartungen des neuen Sozialsystems gerecht werden müssen“, erklären uns ausgewiesene Experten. [i]Genau! Darum geht es. Das dürfen wir nie vergessen. Wir haben es nicht mit Petitessen zu tun. Schließlich: „Kommunikation ist primär soziales Handeln im Hinblick auf und sozial geregelt durch Kultur, zu dem Aktanten insofern befähigt sind, als sie sich einer sozial geprägten Ausdruckstypik bedienen, die auf Grund selbstreferentieller Kommunikationserfahrungen mit semantischen Koorientierungen der Kommunikationsteilnehmer verbunden sind.“ [ii]

Mit anderen Worten: Rites de passage markieren die wichtigsten Ereignisse im Leben eines jungen Menschen. Für manche sind sie eine schwere Prüfung, aber Lehrjahre sind nunmal keine Herrenjahre. Doch einmal erfolgreich sozialisierte Individuen werden sich auch nach dem Studium nicht beirren und überreden lassen, den einmal erlernten Schreibstil aufzugeben. Die höheren Weihen erringen besonders begabte Adepten mit der Vorlage einer menippeischen Dissertation. Dies ist eine Form akademischer Kunst, die es zu Wege bringt, dass zuerst der Verfasser nicht versteht, was er schreibt. Sodann versteht die Fachöffentlichkeit nicht, was er schreibt (wie der Verfasser hält sie aber Stillschweigen darüber). Daraufhin verkehrt sich die Dissertation in ihr Gegenteil, wodurch sie den Aggregatzustand des Menippeischen erreicht. In diesem Zustand klären sich schließlich alle Missverständnisse, und die Lektüre eines ursprünglich unverständlichen Textes erfreut große Leserkreise weit über die Fachöffentlichkeit hinaus (die sich auch zu diesem Phänomen aus verständlichen Gründen bedeckt hält). Größere Schriftstücke menippeischen Charakters bringt auch das Management hervor. Das wollen wir nicht verschweigen. Insbesondere die Textsorte des sogenannten Geschäftsberichts tritt hier hervor. [iii]

[i]Hennig, Mathilde und Robert Niemann, Unpersönliches Schreiben in der Wissenschaft. Kompetenzunterschiede im interkulturellen Vergleich.
in: Info DaF 6 · 2013 (zitiert nach Hartmann)

[ii]Schmidt, Siegfried J., Kognitive Autonomie und soziale Orientierung
Frankfurt a. M. 1994 (zitiert nach Hartmann)

[iii]Koppenfels, Werner von, Der andere Blick. Das Vermächtnis des Menippos in der europäischen Literatur
München 2007

siehe auch: 
Susanne Weiss: Das Nichts nichtet und die Followerschaft der Influencer. Sprachliches Improvement für Wissenschaft und Management.
Wortwandel Verlag, 2020