DAS GEPLAPPER DER WIRKLICHKEIT

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Unsere Fähigkeit, so etwas Chaotisches wie Metaphern aus dem Stegreif zu bilden und zu verstehen, grenzt ans Wunderbare. Im luftleeren Raum funktioniert es aber nicht. Kontext ist das eine Zauberwort, Kultur das andere – mit anderen Worten: Wir brauchen von Mensch zu Mensch geteiltes Weltwissen, um die nahezu zauberhaften Möglichkeiten der Sprache voll ausschöpfen zu können. Weder der isolierte Geistesheld in „Einsamkeit und Freiheit“ noch der Digital-Nerd in seiner reflexionslosen Wachsamkeit (Brüder im misogyn-neurotischen Geiste) ertragen das Geplapper der Wirklichkeit. Geheimsprachen müssen her, eigene Metaphern und vor allem jede Menge Plastikwörter.
Langer Text!

Gut 20 Millionen Metaphern bevölkern unsere Sprache. Es beginnt morgens mit dem Frühstücksei, geht weiter mit Mittagessen und Abendbrot. Versuchen Sie einmal, diese drei harmlosen Dinge metaphernfrei auf die Reihe zu kriegen. Dafür brauchen Sie ganze Buchkapitel. Sagt jedenfalls der Kognitionsforscher Arthur Jacobs. Und ich denke das auch. (s.a. „Unschärfe wortwörtlich“)
Machen wir weiter mit Salatköpfen und Stuhlbeinen. Das kann lustig werden. Wussten Sie, dass wir Metaphern regellos und spontan bilden können und dass unser Gegenüber sie trotzdem versteht, dass das Geplapper der Wirklichkeit uns also keinerlei Schwierigkeiten bereitet – wenn wir denn noch in der Wirklichkeit leben.Nein, es gibt keine Regeln für das Verstehen von Metaphern. Aber es gibt Vorausetzungen, die erfüllt sein müssen, damit wir Metaphern verstehen und richtig interpretieren: Es sind dies ein bekannter Kontext und gemeinsames Weltwissen – auf der Basis der jeweiligen kulturellen Prägung. Losgelöst von ihrer Basis aus Kontext und Kultur bleibt die Metapher steril.

Menschen kommen nicht mit fertig verschalteten Gehirnen auf die Welt. Diese Entwicklung dauert bis ins junge Erwachsenenalter an, erklärt der Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer. „Das bedeutet: Menschliche Gehirnentwicklung findet immer unter Bedingungen von Kultur statt. Die Entwicklungsumgebungen und Fähigkeiten, die Gesellschaften zu einem gegebenen Zeitpunkt entwickelt haben, gehen in die Organisation der synaptischen Verschaltungen eines sich entwickelnden menschlichen Gehirns ein.“

Einsamkeit und Freiheit

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Das erklärt auch, warum es unserem Gehirn so schwer fällt, sterile Listen und pure Kompilationen von „Fakten“ zu verarbeiten. Die Bedingungen der Kultur, die Harald Welzer nennt, vermitteln sich nicht durch Lexikonwissen, sondern von Mensch zu Mensch. John Gabrieli, Professor für Neurowissenschaften am Massachussetts Institute of Technology erklärt: „Der bei weitem größte Antrieb für die Hirnentwicklung ist nicht die Anzahl der gesprochenen Wörter, sondern die Anzahl der Gespräche.“

Mit anderen Worten: Die Masse macht’s nicht, sondern der soziale Prozess des Sprechens. Vergessen wir also getrost die Art Philosophie, die als Referenzperson ihres Denkens ein einzelnes, in der Regel männliches, erwachsenes Individuum voraussetzt, das in „Einsamkeit und Freiheit“ losgelöst von den Niederungen des Alltags und vom Geplapper der Wirkichkeit vor sich hindenkt und scheinbar so, wie es dasitzt mit seinem isolierten Gehirn, auch schon auf die Welt gekommen ist. Fix und fertig.

Reflexionslose Wachsamkeit

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Die Gegenveranstaltung zum Denken des einsamen und freien Geisteshelden ist dieser Tage die Überversorgung mit soviel Geplapper, dass es zum sinnlosen Rauschen wird. Roberto Simanowski, Anglist an der University of Hongkong, beschreibt die Verschiebung von der ‚deep attention’ zur ‚hyper attention’, zur ‚Hyperaktivität’ durch ‚Hyper-Stimulation’, die nicht etwa ein Mehr an Wissen und Erkennen bringt, wie viele der Medien-Konsumenten sich allzu gern einreden, sondern lediglich ein „Mehr an Aufmerksamkeit im Sinne reflexionsloser Wachsamkeit“.
Beides, das alte Konzept vom reinen Geist wie auch die neuen Träume von virtueller Realität und den Upload in reine Daten-Wolkenkuckucksheime, ruht in der neurotisch misogynen Körperfeindlichkeit des unguten Teils unserer philosophischen Traditionen. Das ist der Teil, der irgendwie immer auch die eine Hälfte der Menschheit vergisst.

Geheimsprachen

Volapük Charles E. Sprague [Public domain]

Metaphern, die, wie wir sahen, ein ziemlich unberechenbares, aber lebensdienliches Grüppchen sind, das aber nur verständlich ist, wenn wir ihm Kontext bieten.
Ein solcher – abgegrenzter – Kontext kann zum Beispiel eine Gruppe sein oder ein Teilsystem einer Gesellschaft. In sozialen Gruppen kann der Gebrauch bestimmter Metaphern für Zusammenhalt sorgen. Zwischen Gruppenmitgliedern wird damit eine Art „geheimes“ Wissen übermittelt, das nur die Initierten verstehen. Für Außenstehende bleibt diese „Geheimsprache“ unverständlich, denn nur die Mitglieder der Gruppe wissen, wie bestimmte Metaphern korrekt benutzt und interpretiert werden – was bewiesen werden muss.

Auf diese Art werden gemeinsame Erfahrungen und gemeinsame Interessen konsolidiert. Die Sprache kann rituellen Charakter gewinnen. So ist es beispielsweise in der Wissenschaft üblich, von Adepten die Beherrschung eines bestimmten Sprachcodes zu verlangen, der außerhalb der Wissenschaft zwar völlig nutzlos ist, aber innerhalb dieser Initiationsgruppe für Gratifikation und Anerkennung sorgt. Auch andere Subkulturen benutzen bestimmte Codes, um sich von anderen abzugrenzen.

Sehr fortgeschritten ist hierzulande das Management allein schon mit der Amerikanisierung der Berufsbezeichnungen: Sales Manager, Freelancer, Researcher etc. Die Wissenschaft steht hier nicht hintan, schickt sie doch seit geraumer Zeit „Principal Investigators“ in hochperfomante affiliate projects. Auch der Öffentliche Dienst zieht nach: Die Bundesagentur für Arbeit bietet im Jobcenter Jobs für Job-Floater an. In der Wissenschaft attribuiert sich der Geist in seiner Selbstregulation allein auf sich selbst und eben nicht auf die breite Masse.

Auch Kauderwelsch, wie es in Marketing und Management gang und gäbe ist, ist als Signal schieres Gold wert. Wir für uns, nicht für Euch. Andernfalls könnte es passieren, dass das Predictive Behavioral Targeting nicht durchschlägt, am Ende die Revenues leiden und Outplacements auch da nötig werden, wo wir es eigentlich nicht vorhatten.

Vollpfosten und Kohldampf
Jugendsprache ist ein wiederkehrendes Thema. Jungendforscher und Lexikonredaktionen geben regelmäßig die „Jungendwörter des Jahres“ heraus, um zu erklären, was die Jungschen so reden. Da kann man lernen, dass auf „Vollpfosten“ und „Nullchecker“ dass 2019 das eher nicht mehr umstandlos dekodierbare „Lauch“ folgte, wenn es darum geht, einen Idioten zu bezeichnen. Ein infantiler Idiot ist folgerichtig ein „Drei-Käse-Lauch“. Und wissen Sie, was „lindnern“ ist? Es bezeichnet nicht den Redestil eines FDP-Politikers, sondern die Aufforderung, etwas besser gar nicht als schlecht zu tun. 2018 waren „Ehrenmann und Ehrenfrau“ die Jungendwörter des Jahres – hat zumindest ein großer Lexikonverlag herausgefunden. Wörterlisten findet man leicht im Internet, ebenso wie für Rotwelsch, die alte Gaunersprache, der wir solche Juwelen wie „ausbaldowern“, „Polente“, „Kohldampf“ und „Stuss“ zu verdanken haben.  Die Bedeutung hat sich nicht geändert. Nur den „Wolkenschieber“ finden wir heute in mehr Kontexten als im handwerklichen, wo er jemanden bezeichnet, der das Handwerk nicht versteht.

Ende Gelände

Eine „Geheimsprache“ ist logischerweise immer auch ein Mittel der Abschottung. Das ist solange kein Problem, wie die Mitglieder von Gruppen und Subkulturen noch einen anderen Code zur Verfügung haben, der auf einer breiteren Basis geteilten Weltwissens beruht.
Überflüssig zu erwähnen, dass die sinnvolle Regelung von Angelegenheiten, die uns alle angehen, nur nur mit einer Sprache möglich ist, die in größeren gesellschaftlichen Kontexten verstanden wird. Alles andere ist schwere Feigheit.

Das heißt, je kleiner die gemeinsame (Sprach-)Basis wird, umso größer ist die Gefahr sozialer Fragmentierung und von in jedem Sinne teuren Missverständnissen. Nachrichten on demand und die Glückseligkeit der Echokammer zerstören das gemeinsame Repertoire von Hintergrundelementen, die nötig sind, um der heterogenen Lebenswirklichkeit überhaupt noch einen vernünftigen Sinn abgewinnen zu können. Ende Gelände.

Leerstellen
Wenn nun Gruppensprachen aufeinandertreffen – ohne vermittelnde gemeinsame Sprachbasis – bewegen wir uns zwangsläufig mit Riesenschritten mitten ins finstere Reich der Missverständnisse hinein. Was für die eine selbstverständlich, produziert im Gehirn eines anderen eine Leerstelle. Bevor er aber auf die Idee kommt, vielleicht etwas nicht verstanden zu haben, hat sein Gehirn die Leerstelle bereits mit dem vorhandenen Repertoire geschlossen.
Das Gehirn kann Leerstellen nicht leiden. Deshalb funktionieren Krimis, die nichts anderes tun als Leerstellen zu produzieren, deren Schließung wir gar nicht erwarten können.
Das heißt: Bevor wir uns mit offenen Fragen konfrontieren, konstruieren wir lieber einen Zusammenhang – und der kann falsch sein.
Hauptsache, die Leerstelle ist geschlossen. Wir sind zufrieden, unser Gehirn ist zufrieden. Der Inhalt an sich spielt dabei für unser Gehirn keine Rolle.

Plastikwörter
Zum Schluss und hier nur kurz: Es gibt eine Gruppe von Wörtern,die sich bei der Produktion von Leerstellen,  Missverständissen und konstruierten Zusammenhängen besonders hervortut. 1988 hat sie der Literaturwissenschaftler Uwe Pörksen in einem – besonders heute – wichtigen Buch beschrieben und anlaysiert: „Plastikwörter. Die Sprache einer internationalen Diktatur.“ Es sind die Wörter ohne Eigenschaften, auf die sich jeder einen eigenen Reim machen kann, wie „Kommunikation“, Information“, „Zukunft“, „Projekt“, „Digitalisierung“ etc.
Ich komme darauf zurück.

Welzer, Harald, Selbst Denken: Eine Anleitung zum Widerstand, Frankfurt a.M. 2014
Simanowski, Roberto, Facebook-Gesellschaft, Berlin 2016
Pörksen, Uwe, Plastikwörter. Die Sprache einer internationalen Diktatur, Stuttgart 1988