Blitz / Feuer / Schwefel / Donner / Salpeter / Bley und etliche viel Millionen Tonnen Pulver sind nicht so mächtig / als   die wenigste reflexion, die ich mir über die reverberation meines Unglücks mache. Der grosse Chach Sesi von Persen erzittert / wenn ich auff die Erden trete. Der Türckische Kaiser hat mir etlich mahl durch Gesandten eine Offerte von seiner Kron gethan. Der weitberühmte Mogul schätzt seine retrenchemente nicht sicher für mir. Africa hab ich vorlängst meinen Cameraden zur Beute gegeben. Die Printzen in Europa, die etwas mehr courtese halten Freundschafft mit mir / mehr aus Furcht / als wahrer affection. Und der kleine verleckerte Bernhäuter der Rappschnabel / Ce bugre, Ce larron, Ce menteur, Ce fils de Putain, Ce traistre, ce faqvin, ce brutal, Ce bourreau, Ce Cupido, darff sich unterstehen seine Schuch an meinen Lorberkräntzen abzuwischen!

Andreas Gryphius, Horribilicribrifax Teutsch

Lügengeschichten schreiben

Eine Lügengeschichte ist gelogen. Eine gute Lügengeschichte ist gut gelogen. Wobei das Verbot, Schuhe an Lorbeerkränzen abzuwischen, durchaus keine Erfindung ist. Das heißt, eine gute Lügengeschichte arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten. Ich gehe als Schelm (Schelmin ist ein weiblicher Schelm und ein chemisches Element) auf Reisen und springe mit meinem Pferd durch eine fahrende Kutsche … nein, von vorn.

Es sollten Wahrscheinlichkeiten sein, nicht Münchhausen, der angeblich seine Axt mittels Bohnenranke vom Mond zurückholte, wohin er sie geworfen hatte. Einem Hirschen eine Ladung Kirschkerne auf den Kopf zu schießen, woraufhin dessen Geweih ein Baum entsprießt, ist hingegen sehr wahrscheinlich und ein feines Beispiel für nachhaltige Landwirtschaft. Vollends im Reich der Tatsachen sind wir angekommen, wenn das Stichwort „Kanonenkugel“ fällt. Der lang unterschätzte und böswillig falsch dargestellte Ritt auf der Kanonenkugel gehört zu den Glanzleistungen intelligenter Logistik und ist ein Produkt der Bundesagentur für Sprunginnovationen, die seit drei Jahren tätig ist und derzeit an einer neuen Trampolinverordnung arbeitet.

Zum Handwerk: Wie schreibt man eine Lügengeschichte?

Nun, da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Wie wäre es mit einer formvollendeten Nachricht? Das Gute daran ist das zu erzielende hohe Maß an Glaubwürdigkeit, wenn man nur die Form einhält. Wie in der klassischen Nachricht beantworten wir im ersten Satz die berühmten W-Fragen. (Eine neue Arbeitsgruppe der staatlichen Kulturbeauftragten (oder ähnlich) prüft derzeit die Diversity-Tauglichkeit der Fragen. Schließlich könne es nicht angehen, dass alle Fragen mit W begönnen.) Aber solange wir noch dürfen …

WER? WAS? WANN? WO?

In den letzten Tagen des Februar 20xx kam es auf der viel befahrenen Bahnstrecke Berlin – Westerland zu tagelangen Verspätungen.

Die Textsorte Nachricht ist schon im ersten Satz deutlich zu erkennen. Die wesentlichen Informationen sind klar auf den Punkt gebracht. Und schon ist es Zeit für die nächsten W-Fragen:

WARUM? WIE? WELCHE QUELLE? etc.

Grund war eine neue Verordnung aus dem Bundeswerteverwertungsministerium, die Folgendes besagt: Wenn sich zwei Züge auf der gleichen Schiene treffen, darf keiner von beiden weiterfahren, bevor nicht der andere passiert hat. Örtliche Hilfskräfte der betroffenenn Gemeinden versorgten die Fahrgäste mit dem Nötigsten. Der Verfassungsschutz rückte mit schwerem Gerät an, notfalls bereit, die Schienen zu räumen, falls es sich um eine illegale Aktion unzufriedener Gleisbauarbeiter oder notorischer Staatsfeinde handele. Wie ein Sprecher des …

Voilà, unsere Nachricht – versucht es!

Der Trick ist ganz einfach. Es spielt es keine Rolle, ob die Nachricht „wahr“ ist. Es ist vielmehr wichtig, dass der Text konsistent ist, das heißt, dass alle Textteile sinnvoll aufeinander bezogen sind. Dann glaubt man Euch den größten Mist schneller, als Ihr gucken könnt …

Nutzt Euer neues Wissen, liebe Schelmenfreunde und schreibt, was das Zeug hält. Die besten Einsendungen werden ins Schelmenmagazin übernommen.
Ich könnte jetzt natürlich darauf hinwiesen, als Vorbilder für Lügen und Lügengeschichten Politiker und Amtsträger herzunehmen. Aber nein! Schelme lügen nicht, um anderen Schaden zuzufügen. Es geht immer nur darum, den Blick für das unausgegorene Verhältnis zwischen Wahrheit und Lüge zu schärfen und das Tränental des Entweder-Oder zu ver-lassen. Falls Euch übrigens einmal jemand beim Lügen erwischt, kontert gut gelaunt mit dem ziemlich berühmten Physiker Heinz von Foerster: „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners.“

Jetzt etwas für die Ehrgeizigen

Oder für diejenigen, die vorhaben, der Gesellschaft der schreibenden Außenseiter beizutreten.
Schreibt Euch selbst in eine kurze Geschichte hinein: Mein Tag als Schelm. Schreibt Euch aus der eigenen Haut heraus. Es hat spektakuläre Effekte und lehrt das Denken in Alternativen.

Zur Vorbereitung
Lügt einen ganzen Tag lang. Noch einmal: Es geht nicht darum, anderen Schaden zuzufügen. Es geht darum, den Rahmen des eigenen Denkens zu erweitern.
Präsentiert Euch Fremden gegenüber als eine völlig andere Person, mit anderem Namen, anderer Herkunft, anderem Beruf. Auch hier sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt.
Eine Figur zu erschaffen, ist ein Abenteuer, und es dauert nicht lang, bis die Figur lebendig wird und das Gespräch mit Euch sucht. Weicht nicht aus. Wenn Ihr genug geübt habt, Euren Lieben die schönsten Lügengeschichten zu erzählen und Ihr Euch Fremden gegenüber als ein anderer ausgebt, könnt Ihr ans Schreiben gehen. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. (s.a. „Glauben Sie ja nicht, wer ich bin.“)

Ihr kennt das Dr. Watson-Prinzip: Texte oder eine Sammlung von Texten werden einer erfundenen Person zugeschrieben. So wie Arthur Conan Doyle seinen Watson hatte, hatte E.T.A. Hoffmann seinen Kater Murr, der uns seine „Ansichten“ hinterließ. Der irische Schriftsteller Flann O’Brien schuf eine ziemlich verwickelte Version dieser Methode in seinem außergewöhnlichen Werk „In Schwimmen Zwei Vögel“ (orig. At Swim-Two-Birds).

Viele Schelmenromane sind Reiseberichte voller herrlicher Lügengeschichten. Nehmt Sie Euch zum Vorbild. Wie wäre es für den Anfang mit dem Horribilicribrifax Teutsch von Andreas Gryphius, den es ganz umsonst in öffentlich zugänglichen Online-Sammlungen gibt. Es muss ja nicht immer der Quixote sein …

So könnte Eure (Lügen-)Geschichte beginnen:
„Ein Tag im Leben des Schelms XY. – Eine wahrhaftige Geschichte von Abenteuern, lustigen Begebenheiten und wie ich einmal einen Globus verschenkte.“

Martha Carli, Schelmenhandbuch, MMXXII

Überall im Buchhandel und auf allen gängigen eBook-Plattformen

Lese-Empfehlung

Kommt ein Wort ins Gehirn, der alte Bibliothekar schlurft zum Lexikon und schlägt nach. Das Wort heißt „Wort“, sagt er und ist … ein Wort. Die moderne Variante des Lexikons im Gehirn ist eine Datenbank, in der das Wort mitsamt seiner genauen Bedeutung liegt. Das Problem ist nur: Wörter haben keine feste Bedeutung. Beim Lesen gleicht das Gehirn Bekanntes mit Unbekanntem ab, bewertet das Gelesene und weist dann Bedeutung zu. Wörtlichkeit ist immer die Ausnahme. In ihrem kurzweiligen Buch über die Wirkung von Sprache mit vielen Einsichten in die neurowissenschaftliche Forschung zum Thema zeigt Susanne Weiss, warum es eine Rolle spielt, ob wir gut oder schlecht schreiben. Bei nebelhaft und passiv geschriebenen Texten voller Nominalphrasen und Funktionswortgefüge geht das Gehirn auf Sparflamme und fragt: Ist das Text oder kann das weg? Sachlichkeitsillusionen werden mit Sprachdenken konfrontiert, „objektive Wahrheiten“ mit kulturellen Kontexten. Ein Praxiskapitel überträgt die überraschenden Einsichten auf das Handwerk des Schreibens.

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