Ein Buch ist ein Garten, den man in der Tasche trägt, sagt eine alte Weisheit. Und so ist ein Garten ein Buch, aus dem man stets die ganze Welt entfalten kann. Einrichtungen wie der Frankfurter Palmengarten sind seit jeher Gesamtkunstwerke. Nie „nur“ Garten, immer auch kulturell, künstlerisch, wissenschaftlich und gesellschaftlich von Bedeutung. Seine Direktorin Dr. Katja Heubach erklärt im Booktalk, warum so ein Garten auch ein Think Tank sein sollte, in dem die wichtigen Diskussionen zur Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft geführt werden – und was die Biene mit Kultur zu tun hat.

Booktalk

Was man in einem Garten lernen kann

Katja Heubach und der Garten als Gesamtkunstwerk

Susanne Weiss

Dr. Katja Heubach
Foto: Sandra Mann

(Theobroma Cacao L.). Familie: Malvaceae. Unterfamilie: Byttnerioideae, unterteilt in 22 Gattungen. Die 15 bis 25 cm langen und 7 bis 10 cm oval-länglichern Früchte enthalten 30 bis 50 bohnenförmige Samen, Inhaltsstoffe: 30 – 53% Fett, 15% Eiweiß, 8% Stärke, 7% Gerbstoffe, die Alkaloide Theobromin (1-2%) und Koffein (0,2 – 0,3%).

Oder: „Götterspeise“ kraft Namens, Teufelszeug für Schlankheitsfanatiker, Traumstoff für Genießerinnen, in die Welt gekommen in ungezählten Varianten, traten Kakao und seine schönste Vollendung, die Schokolade, vor wenigen Jahrhunderten ihren Siegeszug um den Globus an. Carl von Linné, der große Systematisierer der Natur, gab der Pflanze diesen Namen als Referenz an ihren Gebrauch in der mittelamerikanischen Wahlheimat. Aus Amazonien kommend, stieg sie hier schon vor Jahrtausenden zu gefeierter Blüte auf und galt als Geschenk der Götter. (Theobroma zu griech. theos = Gott und broma = Speise)
Mit Kolumbus kam die Pflanze nach Europa. Die ersten – ungesüßten – Schritte waren noch holprig. Doch bald gesellte sie sich in der Erfolgsbilanz – zu anderen Einwanderern von der südlichen Hälfte des amerikanischen Kontinents. Es soll Menschen geben, die sich ein Leben ohne Schokolade vorstellen können. Aber ohne Kartoffeln oder ohne Tomaten? Wie cacauatl und chocolatl sind auch potatl und tomatl aztekische Namen.

Ein Buch ist ein Garten, den man in der Tasche trägt, sagt eine alte Weisheit. Und so ist ein Garten ein Buch, aus dem man stets die ganze Welt entfalten kann.

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Seit ihren Anfängen ist die Frankfurter Traditionseinrichtung ein Ort, an dem es Pflanzen aus allen Teilen der Welt zu entdecken gibt – und zugleich ein Hort der Muse und Musik, der Erholung und anspruchsvollen Geselligkeit.*
Abb.: Palmengarten

Wie spricht man über etwas so Komplexes wie Natur und mehr noch: Über das Verhältnis des Menschen zur Natur? Mit Systematik oder mit einer schönen Geschichte? „Wir brauchen beides“, sagt Katja Heubach, Biologin, Ökologin und Direktorin eines der schönsten Gärten des Landes, des Palmengartens in Frankfurt am Main, der 2021 sein 150-jähriges Bestehen feiert.
Seit 2018 leitet Katja Heubach diesen komplexen Organismus, wie sie ihn nennt, der so viel mehr ist als „nur“ ein Garten in einer großen Stadt. Er ist wissenschaftliche Einrichtung, Schaugarten, ein Ort der Künste und ein Naherholungsgebiet mitten in der hochverdichteten Stadt. Die einen suchen Naturerfahrung, andere wollen ferne Kontinente botanisch erschließen. Und diejenigen, die keinen eigenen Garten haben, kommen, um sich zu entspannen und ihren Feierabend zu genießen.

„Pflanzen aus aller Welt, alter Baumbestand, Wiesen und Wasser, Wildheit und Wissen, Kunst und Kultur – der Palmengarten ist ein Ort, der seinesgleichen sucht. Im Freiland und unter den Dächern seiner teilweise historischen Schauhäuser wachsen rund 13.000 Pflanzenarten.“

Wer will was wissen?

„Ich muss mir immer die Frage stellen: Wer will was wissen?“, erklärt Katja Heubach. „Ich persönlich kann ja die botanische Systematik der Familie Malvaceae aufregend finden. Aber andere interessieren sich doch eher für die Geschichte des Kakaos.“ Auch die Besucher sind ein Teil des Organismus Palmengarten wie Flora und Fauna, und wenn es funktionieren soll, braucht alles ein Auskommen, weiß Katja Heubach. „Jeder Besucher soll sagen können: ‚Ich habe etwas verstanden, etwas Neues entdeckt, eine interessante Beobachtung gemacht.’“ Aber was das ist, soll jedem selbst überlassen bleiben. „Die Menschen sollen selbst entscheiden, was sie lernen wollen.“

Die Blumenwiese ist nicht “nur” schön. Sie ist ebenso sehr eine Lebensgrundlage – was auch auf ihre regelmäßigen Besucher zutrifft.
Foto: Steinecke

„Wer an einem Sommertag an den Wiesen und Beeten des Palmengartens entlanggeht, wird dort auf unzählige, teilweise sogar selten gewordene Insekten, stoßen.“

„Mit einem guten Publikationskonzept kann man aber immerhin Anregungen geben“, weiß die Direktorin. Vor allem, wenn es um einige der komplizierten Zusammenhänge geht, die sich im Auge des Betrachters nicht unbedingt vordrängen. Die Schönheit des Schmetterlings und der geschickte Tanz der Bienen lässt im ästhetischen Genuss leicht vergessen, was passieren kann, wenn anhaltende Eingriffe in natürliche Systeme schwere Lücken schlagen. Da mag manch flüchtigem Betrachter schnell einmal eine unverzichtbare Lebensgrundlage als ein bloßes „nice to have“ erscheinen.
Was tun?
Man führt vermeintlich Unverbundenes zusammen und lenkt den Blick gemeinsam mit den entscheidenden Details aufs große Ganze. Katja Heubach hat für Frankfurt eine ideale Version dieser Methode gefunden:

„No bees, no Bembel“

Ohne Biene „wächst“ am Apfelbaum kein Äppelwoi. „Das Insektensterben ist eine reale Gefahr“, sagt Katja Heubach. „Aber es ist häufig noch nicht hinreichend verstanden, was das eigentlich für konkrete Folgen hat. Wenn wir mit einer solchen Initiative auf die Zusammenhänge hinweisen, wird den Leuten plötzlich klar: ‚Meine Kultur hängt von einem Bestäuber ab, das heißt, von einer Leistung der Natur’.“

„Blüten – Bestäuber – Ökologie“ ist das erste Leitthema, das sich der Palmengarten im Jahr der Eröffnung seines neuen Blüten- und Schmetterlingshauses 2021 gesetzt hat. Bis 2023 wird es programmatisch die Zügel führen – auch im neuen Publikationskonzept. Leitthemen bieten der Bevölkerung die ordnenden Gedanken im vermeintlichen Chaos möglicher gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Themen, die um Aufmerksamkeit ringen. Und sie bieten Vertiefung an, denn die natürlichen Systeme, die – wie man heute weiß – etwas komplizierter sind als es Carl von Linné und seine wissenschaftlichen Zeitgenossen einst dachten, verlangen Zeit, um richtig verstanden zu werden.

„In der Ausstellung „Abgestaubt“ kann man sich über das Leben und die wichtige Bedeutung der Insekten informieren.“

Die Kraft des Konkreten

Es gibt ein Pfund, mit dem der Palmengarten wuchern kann. Die Wissensvermittlung ist niemals eindimensional. „Unsere Stärke ist das Konkrete – in der Verbindung von Analogem und Digitalem“, sagt Katja Heubach. „Zur Information kommt immer die lebendige Anschauung in der Praxis.“ Die Besucher können aus dem Vollen schöpfen, weil sie mehrere, miteinander verbundene Ebenen zur Verfügung haben. So erfahren sie zum Beispiel in einer Ausstellung, warum ein Ökosystem samt Äppelwoi Bestäuber braucht. Im Garten können sie beobachten, welche Biene welche Blüte anfliegt und wie der Bestäubungsvorgang ganz konkret vor sich geht. Mit den interaktiven digitalen Angebote können sie ihr Wissen zuhause und unterwegs weiter vertiefen.

Der Senkgarten
Foto: Wolf

„Bürgerwissenschaft. Gemeinsam mit dem Wissenschaftsgarten haben Botanischer Garten und Palmengarten ein Naturbeobachtungsprojekt auf der iNaturalist-Plattform gestartet, das Tiere und Pilze in den drei Frankfurter Gärten umfasst.“

Gesamtkunstwerk und Think Tank

Einrichtungen wie der Palmengarten sind seit jeher Gesamtkunstwerke. Sie haben eine kulturelle, künstlerische, wissenschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung. Das heißt, es gilt Traditionen zu bewahren, vorsichtig zu modernisieren und die eingespielten Formate den Lese-, Nutzungs- und Sehgewohnheiten der Gegenwart anzupassen. Zugleich müssen sie Innovationen nicht nur begrüßen, sondern sogar anstoßen – vor allem bei Themen wie Artenschutz und Nachhaltigkeit. Für Katja Heubach sind die traditionellen Funktionen des Gartens von immenser Wichtigkeit, weil sie die Institution in ihrer Umgebung verankern. Aber sie möchte den Palmengarten auch zu einem Think Tank machen, zu einem Ort der Wissenschaftskommunikation, an dem die wichtigen Diskussionen zur Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft geführt und Lösungen gemeinsam erarbeitet werden. „Citizen Science ist in Deutschland noch eine zarte Pflanze“, sagt die Wissenschaftlerin. „Aber wir können auf eine Beteiligung der Bevölkerung bei der Lösung dieser wichtigen gesellschaftlichen Fragen nicht verzichten.“ Ebenso wenig wie auf ein attraktives Angebot für Kinder, die die Möglichkeit haben sollen, die Welt – und die Umwelt – in der sie leben werden, mitzugestalten.

„Artenschutz und Nachhaltigkeit gehen uns alle an“ betont Katja Heubach. „Und unser Verhältnis zur Natur muss in vieler Hinsicht neu überdacht werden.“ Wo könnte das besser gehen als in einem Garten direkt vor der eigenen Haustür? „Was nützen große internationale Abkommen, wenn sie nicht auf der lokalen Ebene umgesetzt werden?“ Als Expertin für internationale Biodiversitätspolitik weiß Katja Heubach, was ein Garten mit Weltpolitik zu tun hat – und wie man den Wissensansprüchen eines sich verändernden Publikums gerecht wird.
Nicht nur die Pflanzen kommen aus aller Welt. Auch das Stammpublikum des Palmengartens ist inzwischen so kosmopolitisch wie die Bevölkerung der Stadt Frankfurt selbst.

Kosmopolitisches Publikum im Garten
Foto: Wolf

Auch der Kakao hat etwas mit Weltpolitik zu tun, so wie er auch ein interessantes Exemplar für die Botanik ist. Schließlich hat er einmal mitten in seinem botanisch-sytematischen Leben seine alte Familie, die Sterculiaceae (Stinkbäume), verlassen und lief zu den Malvaceae über. Aber in der Regel denkt selbst ein eingefleischter Taxonom beim Genuss guter Schokolade so wenig an die botanische Systematik des Kakaobaums wie die begeisterte Leserin bei der Lektüre eines guten Buches an die Grammatik denkt.

Aus einem Garten kann man stets die ganze Welt entfalten. Katja Heubach, die Direktorin des Frankfurter Palmengartens, will dazu beitragen, dass man beim nächsten Äppelwoi und beim nächsten Kakao für die Kinder ein bisschen besser versteht, wie alles zusammenhängt und dass der inzwischen berühmte „Flügelschlag des Schmetterlings“ nicht nur ein Genuss fürs Auge ist. Bei aller Weltpolitik darf man sich im großen Palmengarten natürlich auch entspannen und einfach nur die Schönheit der Natur genießen.

*“Grüne” Zitate entstammen der Webseite des Palmengartens.

Bücher über den Palmengarten

Jubiläumsheft „Das Blühende Leben“: 6 Euro
Jubiläumsbuch „Der Palmengarten. Wo Frankfurts grünes Herz schlägt“: 25 Euro
Beide Publikationen sind auch im Buchhandel erhältlich, das Buch gibt es darüber hinaus im Webshop.

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