Karsten Voigt

Der virtuose Wechsel zwischen Spiel- und Standbein

„Ich bin neugierig“, sagt Karsten Voigt. „Auch auf Dinge, die mir auf den ersten Blick nicht gefallen.“ Das schützt ihn vor schnellen Urteilen. Und die wären verhängnisvoll in Zeiten, da die transatlantischen Beziehungen kompliziert geworden sind. Der Deutsch-Amerikanische Koordinator im Auswärtigen Amt muss bisweilen den Kopf höher tragen als das Herz, muss „verstehen, bevor man sich empört.“ Das wünscht er sich auch von anderen als die bessere Kunst des politischen Dialogs.

Die Methode des transatlantischen Dialogs ist im Grunde dieselbe wie einst in der Ostpolitik, erklärt der Außenpolitiker, der mehr als zwei Jahrzehnte lang für die SPD im Bundestag und im Auswärtigen Ausschuss saß. Man redet so lange miteinander, bis man sich versteht. Was bei Amerikanern oft schwerer ist, weil man einander für so ähnlich hält. Dann ist jedesmal das Entsetzen groß, wenn man auf die Unterschiede stößt. Bei den Sowjets kam man erst gar nicht auf die Idee, es könne Ähnlichkeiten geben. Da freute man sich über jede Gemeinsamkeit.

Die Neugier, das politische Spielbein, hat ihr Standbein in der protestantischen Erziehung des gebürtigen Elmshorners. Voigt hält viel von klaren Zielen und ebensolcher Haltung, „beinhart“ wenn es sein muss. Dann steht er da und kann nicht anders, lutherisch eben. Das macht ihn auch trittsicher auf politischem Glatteis – als Zeugenbegleiter im ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963 – 1965) oder bei der Verteidigung eines Parteimitglieds, das wegen Rechtsabweichung aus der Grundwertekommission der Partei ausgeschlossen werden sollte. Er half dabei – zum Unmut mancher Genossen – die Uni in Frankfurt in Karl-Marx-Universität umzubenennen, stand aber als Sozialdemokrat bei so manchem linken Mitstreiter fast schon unter Faschismus-Verdacht. „Was glauben Sie, was ich mir von meinem jetzigen Außenminister damals alles anhören musste …“ lacht der 63-Jährige. 1968hatten Voigt und Joschka Fischer sich in Frankfurt kennen gelernt. Mehr als 40 Jahre später führt ihr „Marsch durch die Institutionen“ sie beide ins Auswärtige Amt.

Konsequenzen der eigenen Entscheidung übersehen

Der Politiker Voigt, der Geschichte, Germanistik und Skandinavistik studierte, liebt die Wissenschaft. „Je mehr man weiß, umso besser kann man die Konsequenzen seiner Entscheidungen übersehen.“ Dass man die Folgen des eigenen Handelns so falsch einschätzt wie Amerika im Irak, muss nicht sein, findet Voigt. „Deshalb ist wissenschaftliche Politikberatung so wichtig“. Das Auswärtige Amt nutzt die wissenschaftlichen Ressourcen, die an Berliner Universitäten und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen überreich vorhanden sind, in verschiedenen Formen organisierter Zusammenarbeit – zum Beispiel in einem Arbeitskreis Islam. Die Kontakte zwischen Wissenschaft und Politik verlagern sich zusehends von der symbolischen auf die Arbeitsebene. Trotzdem, so Voigt, sind in Deutschland die Sphären noch zu wenig durchlässig. Da könne man sich schon etwas abschauen bei den Amerikanern. Die Betonung liegt auf „etwas“. Dem amerikanischen Usus, nach jedem Regierungswechsel die Think Tanks leerzufegen, um das politisch passende Personal zu rekrutieren, müsse man nicht folgen. An die 3000 Leute werden da jedesmal ausgetauscht, „und die müssen dann alle das Rad wieder neu erfinden“.

Formen und Inhalte neu bestimmen

Sich aus dem Besten das Beste heraussuchen, wäre eine gute Strategie, meint der Amerikaexperte, auch für die Universitäten. Voigt ist kein Befürworter pauschaler akademischer Reeducation. „Die USA haben zwar die besten Universitäten“ weiß er, „aber sie haben auch die schlechtesten“. Doch Wettbewerb der Hochschulen untereinander, Auswahl von Studierenden und leistungsbezogene Bezahlung von Professoren – darüber sollte man nachdenken, schlägt er vor. Vor allem die intensive Alumniarbeit amerikanischer Universitäten sei etwas vom Besten, das die Nachahmung lohne – und geht mit gutem Beispiel voran: Seit 2004 ist Karsten Voigt Mitglied im Kuratorium der Ernst-Reuter-Gesellschaft der FU und im Advisory Board der „Friends of Freie Universität Berlin“ in New York. „Aber man muss das von Anfang machen, nicht erst am Schluss, wenn man nur noch das Geld der Ehemaligen haben will.“ Dazu gehört auch, Studierende feierlich zu begrüßen und zu verabschieden. „Wir leben in einer Zeit, in der wir Formen und Inhalte neu bestimmen müssen“, sagt Voigt. „Das betrifft auch die Selbstdefinition der Universität in Bezug auf Politik, Wirtschaft, Gesellschaft.“

Susanne Weiss

Foto: FU

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