Jutta Limbach

Der weite Horizont als Beruf

„Wenn die Blicke ins Göttliche abschweifen, wissen Sie, dass Sie etwas falsch machen.“ Beten hilft nicht, die Lösung liegt näher: „Jetzt ist ein Witz fällig“.
Mit Schalk im Blick erinnert sich Jutta Limbach an ihre Zeit an der Freien Universität, wo es für eine 37-jährige Juraprofessorin möglich war, die Männerbastion Rechtswissenschaft zu stürmen. Sie dankt es der FU bis heute. Die FU-Jura blieb nicht die einzige Männerbastion, in der sie sich durchsetzte. 1989 verließ die Sozialdemokratin die Universität, um Berliner Justizsenatorin zu werden, von 1994 bis 2002 war sie Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts. Seit 2002 ist sie Deutschlands oberste Kulturbotschafterin.

Keine Bevormundung, keine Belehrung

Jutta Limbach ist Präsidentin des Goethe Instituts, das deutsche Kunst und Literatur, Bildung und Wissenschaft im Sinne guter Beziehungen in die Welt bringt. Mit seinen 141 Instituten in 77 Ländern und einem Etat von rund 242 Millionen Euro jährlich ist das Institut das Schwergewicht deutscher auswärtiger Kulturpolitik. Die 69-Jährige nennt die Grundvoraussetzung für das Gelingen. „Man darf einen Partner weder bevormunden noch belehren. Der Austausch kann nur wechselseitig sein.“

Kultur und Politik sind dabei zwei Seiten einer Medaille. Die Präsidentin nennt Beispiele aus Bolivien. Ein Projekt zur Verschriftlichung indigener Musik gehört ebenso zur Arbeit wie eine Veranstaltung zu häuslicher Gewalt gegen Frauen, die das Goethe-Institut in La Paz zusammen mit Regierungsvertretern organisierte. Kulturaustausch heißt Dichterlesung und Kammerkonzert, Kulturaustausch heißt aber auch Stabilisierung in Krisengebieten. „Das Institut in Kabul wurde im September nach 12 Jahren Schließung unter schwierigen Bedingungen wieder eröffnet“, erzählt Limbach. „Es ist bisher daseinzige ausländische Kulturinstitut vor Ort.“ Und wenn es in angespannten Situationen mit dem Dialog schwierig werden könnte, hilft Selbstaufklärung. „Man muss seine eigenen Probleme erkennen und freimütig darstellen, das schafft gleiche Augenhöhe“, sagt die Berlinerin. Wie in Kairo zum Beispiel, wo das Goethe-Institut darüber aufklärte, wie fremd und verwirrend hier zu Lande das Verhältnis zwischen Religion und Recht ist, wie es in islamischen Ländern herrscht.

Doch auch das streitbare Eintreten für eigene zivilisatorische Leistungen gehört zum Kulturaustausch. Zum Beispiel bei den häufig kontroversen Diskussionen über Fragen der inneren Sicherheit und bürgerliche Freiheitsrechte nach den Anschlägen des 11. September 2001. „Es ist eine der Absichten von Terroristen, uns in unserer Haltung zu den Menschenrechten irre zu machen“, ist Jutta Limbach überzeugt. Wir müssen aber daran festhalten, die Grundrechte auch denen zu gewähren, die sie aushöhlen wollen“.

Der schwierige Stand der Frauen im Wissenschaftsbetrieb

Der Freien Universität ist Jutta Limbach treu geblieben. Als Kuratoriumsmitglied kümmert sie sich weiter um die Geschicke ihrer Universität. – Der eigene Erfolg war für sie ohnehin nie das Ende ihrer Bemühungen. Streitbar trat sie immer ein für die Sache von Frauen im Wissenschaftsbetrieb: Als sie 1995 an der FU ihren viel diskutierten Vortrag „Über den aufhaltsamen Aufstieg der Frauen an der Universität“, hielt,  war sie längst Präsidentin des Verfassungsgerichts. Wie „aufhaltsam“ ist der Aufstieg für Frauen heute? „Der Fortschritt ist eine Schnecke“, weiß die Sozialdemokratin, „und im Alltag ist die Gleichstellung ein mühsames Geschäft.“ Der Spagat zwischen Beruf und Familie ist für Jutta Limbach immer noch der Hauptgrund, an dem man Frauen scheitern lässt. Grundproblem: „Die Männer müssen mitmachen“. Bislang tun sie das vor allem „rhetorisch“. „Ich selbst bin in dem Geist erzogen worden, berufstätig zu sein und trotzdem nicht auf eine Familie zu verzichten.“ Und sie verbucht es als einen der Erfolge der neuen Frauenbewegung, dass die meisten jungen Frauen das heute auch so sehen. Das Goethe-Institut ist ein gutes Vorbild: Mit zwei Drittel Frauen unter den 3100 Beschäftigten – auf allen Ebenen – sind die internationalen Beziehungen hier keine Männerbastion mehr.

Susanne Weiss

Foto: Blaues Sofa CC BY 2.0

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing