Johano Strasser

Die Produktivkraft des Grenzgängertums

Die mächtige Haarpracht, die schon den Jusovorsitzenden schmückte, ist zwar heute weiß, aber sie dreht ihre Korkenzieherlocken noch unverändert in alle Richtungen. Krause Haare, krauser Sinn? Johano Strasser liebt es, Geschichten zu erzählen. Vom Tischtennis neulich Abend in der Starnberger Herrenmannschaft, von Juso-Bundeskongressen in bewegten Zeiten, vom Skat mit Günter Grass, Freund und Nachbar in Berliner Zeiten, und dem dritten Mann, Freund und Nachbar am Starnberger See: Loriot. Launig sind die Geschichten meistens, doch wenn sie das Grundsätzliche streifen, blitzt die Schärfe eines streng disziplinierten Verstandes auf. Inzwischen lebt Johano Strasser seit anderthalb Jahrzehnten am Starnberger See, vormittags als freier Schriftsteller, nachmittags als Präsident des deutschen P.E.N.-Zentrums.

Die fehlende Ahnung der Wissenschaft vom Politikbetrieb

„Ich war Spezialist für Lackfehler“, erzählt der 65-Jährige. Nach dem Dolmetscherstudium arbeitete er als Übersetzer bei Ford in Köln. Das Gehalt legte er zurück fürs Philosophiestudium, 1967 promoviert er in Mainz. Zehn Jahre später ist der SPD-Politiker an der FU, um sich in Politikwissenschaft zu habilitieren. „Die Politikwissenschaftler hatten in der Regel kaum Ahnung, wie der Politbetrieb wirklich läuft“, erinnert er sich. Mit einer gewissen Heiterkeit denkt er an lange Diskussionen über Theorien zur Gewaltenteilung. „Dabei bilden die regierenden Fraktionen langst eine Handlungseinheit mit der Exekutive gegen die Opposition.“ Gelegentlich bat man ihn um Rat: „Ich wusste halt aus Erfahrung, wie man eine Gesetzesvorlage mit Durchführungsbestimmungen konterkariert.“ Man sollte aktive Politiker in die Uni einladen, findet er. Das ist billiger als Think Tanks zu gründen, und nicht nur für die Theorie, sondern auch für die Praktiker gut: „Die Politiker sehen oft das eigentlich Politische nicht mehr, weil sie sich im Pragmatischen verzetteln.“ So wichtig wie die Praktiker sind auch die Grenzgänger fürs akademische und menschliche Fortkommen, ist er überzeugt. „Man sollte es nicht bestrafen, wenn ein Physiker mal zwei Semester in der Archäologie ‚vertrödelt’, denn durch Grenzverletzungen entstehen Innovationen“.

Integrale Humanität

Der P.E.N.-Präsident Johano Strasser hat mit Problemen anderer Art zu tun. Weltweit sind 700 Schriftsteller, Journalisten, Verleger, Buchhändler und Übersetzer in Haft. Sie werden bedroht, drangsaliert und oft auch gefoltert. Das Komitee „Writers in Prison“ des P.E.N. setzt sich seit 40 Jahren für ihre Rechte ein. „Wir kümmern uns auch um diejenigen, die wir frei bekommen haben“, sagt Strasser. Der P.E.N. hat in einigen Städten, darunter in Berlin, Wohnungen angemietet; hiesige Kollegen kümmern sich um Kontakte zu Verlegern und helfen Veranstaltungen und Übersetzungen zu organisieren.

Der Schriftsteller Johano Strasser hat sich beim Schreiben nie auf ein Genre festgelegt. Populäre Wissenschaft trifft sich mit Romanen, Gedichte treffen sich mit Theaterstücken, Essays mit Hörspielen. „Mein Ideal ist schon so etwas wie integrale Humanität“, sagt er. Und das verlangt den rechten Umgang mit der Sprache: „Man ist es dem Leser schuldig, ihm ein Vergnügen zu bereiten.“ Gerade hat er wieder einen Roman fertig, als nächstes erscheint ein Buch über die Kultur der Intellektuellen. Er will sie nicht entlassen aus der lästigen Disziplin der Vernunft und des „demokratischen Klein-Klein“ – wenn sie versuchen, sich ins Kosmische zu entziehen, wenn sie kritisieren ohne konstruktiv zu sein. „Demokratie darf nicht zu einer Sache der Experten werden“, findet er, „denn ohne die Unterstellung der Urteilsfähigkeit der Nicht-Experten, ohne Laienkompetenz kann es keine Demokratie geben“.

Zeitalter der Scharlatane

Der Politiker Johano Strasser ist noch in der Grundwertekommission der SPD. „Da wird noch gründlich diskutiert“. Das hält er für dringend nötig im „Zeitalter der Scharlatane“, in dem der Hauptmann von Köpenick keine preußische Uniform mehr trage, sondern einen eleganten Dreiteiler. „Ich verstehe nicht, warum die Partei dem Neoliberalismus und ökonomiefixierten Beratungsindustrie immer noch hinterherläuft. Die hohe Zeit dieser Ideologie ist doch vorbei.“ Aber er sieht auch Hoffnung. „Nach den vielen Misserfolgen bei Wahlen sind die führenden Genossen wund gerieben. Sie hören wieder zu.“ Die vielen noch bevorstehenden Wahlen tun ein Übriges.

Durch und durch sozialdemokratisch ist Strassers Geburtstag: der 1. Mai. Heidi Wieczorek-Zeul, die Entwicklungsministerin, kam und hielt eine Rede. Und Loriot hat den Wein ausgesucht. Aber das ist eine andere Geschichte.

Susanne Weiss

Foto: Dontworry CC BY-SA 3.0

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