Ins Schreiben kommen

Kapitel Eins des Kurses als kostenlose Lektüre

Es dauert nur noch wenige Tage. Wir arbeiten mit Hochdruck an diesem Kurs. Er wird als erster fertig sein. Die nächsten “Figuren schreiben” und “Blick aus dem Fenster” folgen kurz danach.

Kapitel Eins ist eine prima Vorbereitung für alle Kurse. 

Georg (Joris) Hoefnagel (1542–1601)
Wie man Buchstaben schreibt. PD Worldwide
Gefunden auf: The Public Domain Review
https://publicdomainreview.org/

Schreiben tröstet und macht klug. Es hilft uns beim Selberdenken und bei der Bestimmung der eigenen Position. Geschichten zu schreiben, hilft uns, von uns selbst den Abstand zu nehmen. Diesen Abstand brauchen wir regelmäßig, um klar zu sehen.

Dieser Online-Kurs hilft Euch, ins Schreiben zu kommen. Die hier vermittelten Grundlagen sind geeignet für die Vorbereitung auf jede Art von Schreiben, für fiktives und nicht-fiktives Schreiben. Für das Schreiben zum eigenen Vergnügen oder zur Entlastung, aber auch für diejenigen, die Schreiben als Beruf wählen möchten.

Schreiben ist eine zivilisierte Tätigkeit und eine unserer wichtigsten und kostbarsten Kulturtrechniken. Außerdem ist Schreiben der beste Treibstoff für Vorstellungskraft und Intelligenz.

Ihr erlebt das Glück, schöpferisch tätig zu sein, anstatt nur zu konsumieren.

Fangt einfach an. Egal, was dabei herauskommt. Schreiben zu können, hilft immer und ist ein Gewinn fürs Leben.

Kapitel Eins

Talent, innerere Schweinehunde und der rettende Enthusiasmus

Jeder anständige Autor muss auf jeder nur denkbaren Stufe sein Publikum respektieren und darf ihm darum nur das subjektiv Beste vom Besten bieten.
Kurt Tucholsky

Das Lesen war das Suchen nach dem Schreiben“ erzählte mir Hans-Ulrich Treichel, Poet, Schriftsteller und bis vor Kurzem gemeinsam mit Josef Haslinger Leiter des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig. „Es ging nicht um Stoffe oder Identifikation mit den Figuren. Es hat mich fasziniert, dass jemand etwas geschrieben hat“.

Ich schrieb ein Porträt über ihn für ein Magazin der Universität, an der er studiert hatte. Es machte mich froh, einen prominenten Verbündeten gefunden zu haben, als er sagte:„Die Vorstellung, dass man Schreiben lernen kann, ist hier zu Lande immer noch sehr ungewohnt“.

Leider gab es da einige Irrwege, die gern von großen Bildungseinrichtungen beschritten wurden. „Psychologisch“ geprägte Schreibunterstützung wird Euch hier und da unterkommen. Es kommt darauf an, was man möchte. Wirkungsvolles Schreiben lernt man besser handwerklich.

Die Psychologisierung und Akademisierung des Handwerks stammt aus den 1970er-Jahren, als man glaubte, einfach alles lernen zu können, wenn man nur den richtigen Moderationskoffer öffnete und die Teilnehmer von was auch immer zunächst einmal fragte: „Wie fühlen Sie sich?“. Die, bald pfiffig und gewieft, erkannten schnell die richtige Antwort: „Ich fühle mich blockiert.“ Wem wollte man da noch mit Grobheiten der Art kommen, dass ein vollständiger Satz aus Subjekt, Prädikat und Objekt besteht, vorzugsweise in einer bestimmten Reihenfolge. 

Auch dem Schriftsteller verschafft das Handwerk Boden unter den Füßen.“

Hans-Ulrich Treichel

Schweinehund 1

Ich habe kein Talent zum Schreiben

Hier seht Ihr das Talent bei der Arbeit:

Ihr sitzt, vorzugsweise nachts, bei offenem Fenster über Eurer Arbeit. Die Szene ist in dämmriges Licht getaucht, die Vorhänge wehen anmutig im leichten Wind. Da, plötzlich, schwebt die Muse herein, küsst Euch (auf die Stirn) und wie von Sinnen und quasi automatisch manifestieren sich die genialen Sätze auf dem Papier … Das ist die geisteswissenschaftliche Version. Die naturwissenschaftliche ist etwas besser beleuchtet, der Vorhang ist eine Jalousie, und die Manifestationen Ihres Genies kommen nicht als Muse, sondern als Blitz …
Talent hat man oder hat man nicht, Talent ist schicksalhaft, und wenn die Muse vorbeifliegt oder der Blitz woanders einschlägt, habt Ihr eben Pech …

Der Unsinn gehört zum düsteren Teil unseres kulturellen Erbes und ist ein arger Bösewicht. Er hat viele Menschen davon abgehalten, das Glück des Schreibens zu erfahren.Das Talent ist eine Figur aus der Genieästhetik der deutschen Romantik und aus dem Idealismus, die dem Handwerk den Garaus machen sollte.

Für welchen Beruf braucht man kein Talent? Aber würdet Ihr Eure Wasserleitung von einem Klempner reparieren lassen, der Euch sagt: „Ich habe unheimlich viel Talent, Wasserleitungen zu reparieren“, oder noch besser: „Ich habe so ein Gefühl für Wasserleitungen …“?

Profitipp
Falls Euch doch einmal eine romantische Dichtergestalt à la Shelley erscheint (die Engländer hatten das Problem mit den Romantikern auch):
Nehmt eine ordentliche Mahlzeit zu Euch.
Macht einen Spaziergang an der frischen Luft.
Geht an die Arbeit.

Die Erfahrung lehrt:
Je mehr Praxis Ihr habt, umso dünnflüssiger werden die Gespenster.

Schweinehund 2

Alles muss perfekt sein

„Perfektion“ ist ein kleiner Teufel, der auf Eurer Schulter sitzt und Euch ins Ohr flüstert: „Der erste Satz geht gar nicht. Auch der vierte könnte besser sein. Die Wortwahl ist nicht gut. Stimmt überhaupt die Grammatik?“
Redigieren im Moment des Schreibens ist Teufelswerk und der schnellste Weg in den Wahnsinn. Die Schweinehunde wollen den konstruktiven Schreibfluss unterbrechen und Euch über alle Maßen frustrieren.

Stellt Euch einmal kurz vor, Ihr würdet Euch bei jedem Satz, den Ihr sprecht oder schreibt, gleichzeitig seine grammatische Struktur vergegenwärtigen wollen. Ihr würdet sofort den Faden verlieren.

Redaktion ist selbstverständlich nötig, aber zur richtigen Zeit und am rihtigen Platz. (Kapitel Vier)

Es kann passieren, dass Ihr einmal der Dauerredaktionsversuchung nicht widerstehen könnt und Euch so verknotet, dass gar nichts mehr geht.
Dann ist eine Pause fällig. Euer Gehirn braucht Ruhepausen, um sich aufzuräumen.

 

Warum Pausen gut und notwendig sind. Nicht nur beim Schreiben.

Schweinehund 3

Der Text muss auf Anhieb sitzen

Stift und Papier liegen bereit, Mythen sind gekillt, Irrtümer ausgeräumt. Er ist da, der große Moment. Ein bisschen Pathos und hoher Ton dürfen sein – und dann bleibt der Stift ungefähr acht Zentimeter über dem Papier in der Luft stecken, als sei sie zäher Klebstoff.

Na ja, es war wohl nicht nicht der richtige Zeitpunkt. Außerdem muss ich dringend Nudeln kaufen.

Der Schweinehund vom Dienst heißt in diesem Falle „Anhieb“. Er verlangt: Der Text soll auf Anhieb gelingen. Der Anhieb stammt wie seine bornierte Verwandtschaft aus den Folterkellern der Geniekultanhänger und hat in Gehirn und Gemüt eines ehrbaren Schreiberleins nichts verloren. Denn wenn Ihr Euch solche Gespenster in den Nacken setzt, hebt Ihr die Hürde so hoch, dass Ihr womöglich erst gar nicht anfangt zu schreiben.

Profitipp
„Schreiben ist harte Arbeit. Ein klarer Satz ist kein Zufall. Sehr wenige Sätze stimmen schon bei der ersten Niederschrift, oder auch nur bei der dritten. Nehmen Sie das als Trost in Augenblicken der Verzweiflung. Wenn Sie finden, dass Schreiben schwer ist, so hat das einen einfachen Grund: Es ist schwer!“

Die Erfahrung lehrt:
Niemals verzagen! Die erste Fassung ist die erste Fassung. Es kann auch drei, sieben oder 13 Fassungen geben. Mit der Übung steigt das Selbstvertrauen. Mit den klaren Sätzen kommt Glückseligkeit.

Auswege

Der rettende Enthusiasmus

Wenn Ihr an irgendeiner Stelle steckenbleibt, am Anfang, in der Mitte, kurz vor Schluss, oder wenn irgendetwas im Text nicht funktioniert: Diskutiert das Problem mit Freundinnen, Kollegen, Familie oder mit Eurem Fahrrad auf einer Tour. Ich erörtere gewisse Punkte, an denen ich nicht weiterkomme, gelegentlich mit meinem grün glasierten chinesischen Pferd. Das heißt: Es spielt nicht die geringste Rolle, mit wem Ihr das Problem diskutiert.

Ihr seid soweit, das Problem beschreiben zu können?

Ihr könnt es demzufolge mit jemandem diskutieren?

Beschreibt und diskutiert!

Damit erzählt Ihr Euch gleichzeitig schon, was Ihr tun müsst, um das Problem zu lösen.

Bei alledem werdet Ihr Fortschritte und Rückschläge, Frustration und Glückseligkeit erleben.

Kleiner Exkurs nebenbei:
Im Satz zuvor ist es nicht dem Zufall überlassen, wie ich die Substantive angeordnet habe.

Anfang: Fortschritt
Schluss: Glückseligkeit
In der Mitte: die Schweinehunde, eingesperrt.

Lest diesen Satz:
Dabei werdet Ihr Rückschläge und Fortschritte, Glückseligkeit und Frustration erleben.

Lasst den Satz einen Moment auf Euch wirken.

Positionen am Beginn und am Ende eines Satzes haben die stärkere Wirkung gegenüber den Positionen in der Mitte.

Der erste Satz betont die positiven Aspekte, indem er sie an den Beginn und an den Schluss des Satzes stellt.
Es besteht große Hoffnung, das Ihr das Schreibhandwerk so lernt, wie Ihr es Euch wünscht!

Der zweite Satz tut das Gegenteil.
Oh je. Finstere Zeiten …

Es gibt Menschen, die jemandem, der schreiben kann, eine fast scheue Ehrfurcht entgegenbringen. Für sie ist das Schreiben ein einziges großes Mysterium, das sie unendlich bewundern. Sie bewundern die auserwählten Zauberer, die sich in diesem Myterium auskennen. Diesen freundlichen Wesen solltet Ihr besser nicht erklären, Schreiben sei „nur“ ein Handwerk, das so gut wie jeder lernen könne. Genießt lieber die ungefilterte Bewunderung, die uns Schreiberlingen so oft vorenthalten wird. Euren Bewunderern erspart Ihr eine schreckliche Enttäuschung.

Aber: Widersteht unbedingt den bösen Geistern, die „das bisschen Schreiben“ herunterspielen.

Setzt Ihnen Euren Enthusiasmus entgegen und Euer besseres Wissen, wenn sie Euch zu Faulpelzen und Nichtstuern erklären, die mittags aufstehen, dann beim Kaffeetrinken ein bisschen Text runterreißen, abends Party bis in die Puppen machen – oder wenn Sie Euch als Profischreibern im Beruf erklären: „Kann doch nicht so schwer sein, schnell ein Textchen zu schreiben. Sie haben doch einen Computer …

Schreiben ist eine sehr komplexe und überaus anspruchsvolle intellektuelle Transferleistung. Verteidigt es mit Zähnen und Klauen und fliegenden Fahnen gegen die Ahnungslosen.

Und freut Euch – ich gebe zu, dass ich das manchmal tue – dass vor allem die Ignoranten der allgegenwärtigen Manipulation durch Sprache ausgesetzt sind. Je gebildeter, desto mehr. 

Sprache ist eine Waffe. Haltet sie scharf.
Kurt Tucholsky

Bald geht es weiter. 
Darum geht es im Kurs:
Der Kurs besteht aus vier kompakten Kapiteln:

  • Kapitel Eins: Talent, ein innerer Schweinehund und der rettende Enthusiasmus
  • Kapitel Zwei: Ins Schreiben kommen
  • Kapitel Drei: Was ist eine Geschichte? Fiktiv oder nicht fiktiv ist nicht die Frage
  • Kapitel Vier: Redigieren und überarbeiten

  • In Kapitel Eins erfahrt Ihr eine Menge über das Schreiben selbst, über die Haltung, die zum Schreiben nützlich ist und etwas über die zahllosen Irrtümer über das Schreiben. Und wie man innere Schweinehunde vertreibt.
  • Kapitel Zwei zeigt Euch, wie Ihr den Anfang schafft, auch wenn’s klemmt. So etwas ist normal und lässt sich mit handwerklichen Methoden sehr schnell erledigen.
  • Ihr wolltet immer schon wissen, wie man Geschichten schreibt? Die Geschichten, die andere auch lesen? In Kapitel Drei führe ich Euch Schritt für Schritt in dieses schöne Handwerk ein. Es ist mir ein Vergnügen! Ihr lernt, wie man Spannung erzeugt, Figuren gestaltet, sie in Szene setzt, wie Ihr Bilder schreibt, Welten erfindet …
  • Kapitel Vier fällt Euch dann leicht. Denn Ihr wisst jetzt, worum es geht. Hier gibt es praktische Anleitungen für Durchsicht und Redaktion Eurer Texte. Ihr wollt ernst genommen werden, mit dem, was Ihr schreibt. (Weniger solltet Ihr nicht wollen.) Deshalb müssen Eure Texte in Ordnung sein.
  • In den Anhängen gibt es weiterführendes Material, eine Literaturliste und Schreibaufgaben.