Berlins neue Elendsquartiere

Zur höchsten Ausformung der Lebenskunst gehört die kultivierte Flanerie in einer großen Stadt. Wie andere große Städte wurde auch Berlin besungen von den Flaneuren, darunter große Namen wie Walter Benjamin und Franz Hessel.

Leider ist das Flanieren in letzter Zeit ein wenig schwierig geworden … Häuser verschwinden fast über Nacht. Ersetzt werden sie durch Elendsquartiere, die so schrecklich sind, dass niemand daran vorbeiflanieren, geschweige denn darin wohnen möchte. An vielen Stellen der Stadt. Aber natürlich bevorzugt in den sogenannten „bevorzugten Lagen“. Kaufen, ja. Aber darin wohnen? Das dann doch lieber nicht. Die Kinder könnten sich an den ubiquitären Eibenhecken tödlich vergiften. In den Elendsquartieren ist es bei Strafe verboten, die Balkone zu bepflanzen. Ein paar Chaoten tun es trotzdem. Wir vermuten, dass es unerlaubte Guerilla-Aktionen frustrierten Hauspersonals sind, das die Elendsquartiere während der langen Abwesenheiten der „Herrschaften“ dann und wann versorgen muss.

Und was das Flanieren angeht: Sorgt vor, liebe Freunde des kultivierten Spaziergangs. Die Temperatur in der Umgebung der Elendsquartiere ist um einiges niedriger als im Rest der Stadt. Rüstet Euch also mit Mantel und Schal, egal in welcher Jahreszeit, nicht dass Ihr Euch erkältet. Ihr könnt auch rechtzeitig die Straßenseite wechseln – oder noch besser: Sucht Euch einen anderen Weg. Erschwerend kommt nämlich hinzu, dass der Luft in unmittelbarer Nähe der Elendsquartiere jeglicher Sauerstoff entzogen ist. Das kann zu Atenbeschwerden führen.

Von der Ästhetik müssen wir nicht reden. Denn natürlich haben wir es lediglich mit Ästhetizismus der billigsten Sorte zu tun (Plattenbau für Besserverdienende). Schon Henri Lefebvre wusste, dass jeglicher Ästhetizismus stets ein Zeichen gesellschaftlichen Niedergangs ist. Was natürlich auch für Haustüren gilt, die wie Bunkereingänge wirken oder giftige Vorgartenhecken …