Gruppensprachen

„Philosophie macht nur Sinn in der Kultur, die sie hervorgebracht hat“, weiß der Ethnologe Edward Hall. In dem Moment, in dem ein Konzept auch in einem völlig anderen kulturellen Kontext „Sinn“ macht, ist es schon verändert. Die Vorstellung von der reinen Essenz einer Idee, die von A nach B transferiert werden kann, ist ein Traumgespinst. In China, so Hall, ist Konfuzianismus das eine. Woanders ist Konfuzianismus etwas anderes. Er ist nicht derselbe. Es ist aber nicht nötig, den halben Globus zu überqueren, um auf Missverständnisse dieser Art zu stoßen. Wann immer Teilsysteme innerhalb einer als gemeinsam gedachten Rahmenkultur aufeinander treffen, sollten wir uns fragen: Sprechen wir eigentlich dieselbe Sprache? Im wörtlichen wie im übertragenen Sinne.

Kontexte und Konnotationen

Wie wir sahen, entwickeln Gruppen eigene Sprachen oder Soziolekte, die nicht nur Wörter mit anderen Bedeutungen belegen, sondern auch durch Konnotationen und Zwischentöne funktionieren, die für Außenstehende unhörbar sind. Gruppenmitglieder untereinander können sich problemlos miteinander verständigen. Sie entsprechen dem, was Edward Hall im Bezug auf Kulturen „hochkontextualisiert“ (high context cultures) nennt. Das heißt, in hoch-kontextualisierten Kulturen steckt die Information nicht nur in den gesprochenen Worten, sondern im ganzen Kontext, zum Beispiel auch in den Worten, die nicht gesprochen wurden, im geteilten Wissen der Angehörigen dieser Kultur oder Gruppe und in bestimmten Verhaltensweisen in gegebenen Situationen. Ohne dieses Wissen wird die Verständigung äußerst schwierig und hochgradig anfällig für Missverständnisse. Ein großer Teil der Information wird also implizit vermittelt und beruht auf dem impliziten Wissen der Beteiligten. Wir alle sprechen bis zu einem gewissen Maß Gruppensprachen, ohne dass es uns bewusst ist. Dabei benutzen wir gesprochene und geschriebene Sprache, in der Regel ohne zu wissen, wie sie funktioniert. Da wir kein Problem haben, unsere Muttersprache zu sprechen (beim Schreiben sieht es oft anders aus), und wissen, was wirmeinen, kommen wir nicht ohne Weiteres auf die Idee, jemand anders könnte etwas anderes meinen – wenn er oder sie doch dieselbe Sprache spricht.

Lebensdienlichkeit oder Sektenpolitik

Klassische Anlässe von Missverständnissen ergeben sich häufig beim Eintritt von Hochschulabsoventen ins Berufsleben oder wenn Unternehmensberater in einen Betrieb einfallen. Die Sprache, in die ein junger Mensch im Wissenschaftsbetrieb hineinsozialisiert wird, ist wenig tauglich, um sich in einem beruflichen Kontext außerhalb der academialebensdienlich artikulieren zu können. Die Sprache der Unternehmensberater (und vieler Manager) ist inzwischen zur Lachnummer geworden (beratersprech.de), wird aber nichtsdestotrotz als initiierende Gruppensprache (ebenso wie die Wissenschaftssprache) praktiziert. In beiden Fällen geschieht etwas Ähnliches: In hochkontextualisierter Sprache offerieren unerfahrene Jungakademiker und / oder Unternehmensberater ungefragt ihr sicher immenses Wissen sozusagen kontextfrei. Selten wird gefragt, was ihr Gegenüber möglicherweise selbst weiß. Im harmlosen Fall mag das Schusseligkeit, im schlimmeren Fall mag es angstgeleitete Arroganz sein. In vielen Fällen ist dieses Verhalten aber eine absichtsvoll disruptive Herrschaftsgeste, die besagen soll: Wenn Du unsere Sprache nicht verstehst, bist Du nicht auf dem neuesten Stand der globalisierten Weltoberklasse und wirst auch nie dazugehören. Die beste Reaktion auf solches Gebaren ist es, den Sprecher oder die Sprecherin beherzt aufzufordern, Klartext zu reden. Dann wird sich zeigen, ob der kluge Kopf außer der eigenen Selbstvergewisserungs-Sprache auch noch eine lebensdienliche Sprachvariante beherrscht, die zu Offenheit und Präzision fähig ist. Wo das nicht mehr gelingt oder nicht gewollt ist, wird die Gruppensprache zu einem Instrument der Abschottung. Wo bestimmte Gruppensprachen die Oberhand über die breite Basis auch der elaborierten Alltagssprache gewinnen sollen, geht es in der Regel darum, Menschen aus ihren sprachlichen und kulturellen Kontexten herauszulösen, um sie für die Hyperinklusion ins eigene System vorzubereiten (Sektenpolitik). Dies geschieht häufig in der Wissenschaft wie auch in großen Unternehmen, in denen „cultural fit“ vor Qualifikation geht.

Foto: istockphoto/Surija Silsaksom

Auszug aus Das Wort im Kopf“ von Susanne Weiss, Wortwandel Verlag, Berlin 2019