Framing oder: Das Bild hängt schief

Praktisches zur Sache

Es ist ja richtig: Die ARD sollte lieber am Programm arbeiten, anstatt sich ein „Framing-Manual“ herstellen zu lassen, jedenfalls zu diesem Zweck. Wenn es denn der Weiterbildung der Beschäftigten vor und hinter der Kamera und im Online-Geschäft gedient hätte, sich einmal gründlich mit unserer wichtigsten Kulturtechnik zu beschäftigen. Wüsste ein Schreinerlehrling so wenig über das Material, mit dem er arbeitet, wie es in großen Teilen der medialen Zunft der Fall zum „Material“ Sprache ist, würde er wohl kaum die Gesellenprüfung bestehen.
Man könnte sich wenigstens mit dem beschäftigen, was schon die klassische Rhetorik wusste, wenn sie z.B. von „affektischer Ansprache“ oder der „captatio benevolentiae“ sprach – wenn man gemocht werden möchte.

Gert Ueding, Klassische Rhetorik, München 2011; Moderne Rhetorik, München 2009
Hier könnte Gert Ueding, Professor emeritus für Rhetorik in Tübungen helfen. Aber Achtung – hier geht es um das Original, nicht um die Schwundstufen der Krawall-Rhetoriker für „Führungskräfte“ und dergleichen mehr.
(Oder nehmen wir die „alten“ Chinesen. „Hundert schnelle Pferde können ein böses Wort nicht aufhalten“, wissen sie seit jeher.)

Raoul Schrott, Arthur Jacobs, Gehirn und Gedicht, München, 2011
Dann haben wir jede Menge Erkenntnisse aus der neueren Linguistik (außer von Wehling), wie Sprache funktioniert und wie sie wirkt. 2011 ist ein Buch von Raoul Schrott, Literaturwissenschaftler und Schriftsteller, und Arthur Jacobs, Kognitionswissenshaftler an der Freien Universität Berlin erschienen: „Gehirn und Gedicht“ ist eine sehr umfassende Darstellung dessen, was Journalisten als Arbeitsmittel benutzen. Sind aber über 500 Seiten. Wer liest das schon?

Da nehmen wir lieber 89 Seiten und erfreuen uns an Sätzen wie „Sondern, die ARD ist die Gesellschaft: Wir sind Ihr! Es handelt sich bei der ARD und den Bürgern nicht um getrennte Entitäten.“

„Wir sind Ihr!“ … Du meine Güte …

Angesichts der Tatsache, dass wir nicht nicht kommunizieren können (Paul Watzlawik), können wir auch nicht nicht „framen“ – was heute Konsens in der Wissenschaft ist. Etwas harmloser betrachtet, haben Wörter Konnotationsräume und lösen Assoziationsketten aus, die von Mensch zu Mensch verschieden und durchaus plastisch sind. Wörter sind sensorische Reize (Jacobs), die bestimmte Prozesse im Gehirn auslösen. Beißt ein Mann in die Zitrone … kennen wir alle. Werden sensorische Reize wiederholt, vertärken sich die synaptischen Verbindungen. Dennoch wird sprachliches „Framing“ notorisch mit Manipulation verwechselt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Frau Wehlings Empfehlungen, die ARD in eine emotional aufgeladene Moralkeule zu verwandeln, ist schon ein bisschen peinlich. Dennoch kann das Gegenteil nicht Askeseschreiben sein. Den „Sachlichen“ in Journalismus und Wissenschaft sei eine Besichtigungstour ins Limbische System empfohlen. Das ist die Gehirnregion, in der jeder noch so sachlich zentrierte i-Punkt emotional eingefärbt wird.

Uwe Pörksen, Plastikwörter. Die Sprache einer internationalen Diktatur, Stuttgart 1988
Heinz von Foerster, Bernhard Pörksen, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker, Heidelberg 1998, Siebte Auflage 2006

Und nun ist die Gereiztheit groß, frei nach Bernhard Pörksen, dessen Vater, der Literaturwissenschaftler Uwe Pörksen, 1988 das zu Unrecht kaum noch beachtete Buch „Plastikwörter. Die Sprache einer internationalen Diktatur“ schrieb. Unbedingt reinschauen. Damit können wir uns viele unsinnige Debatten ersparen.
Da wir gerade bei den Pörksens sind: Da in all der Aufregung logischerweise viel von „Wahrheit“, „Objektivität“ und „Fakten“ die Rede ist, möchte ich dringend Bernhard Pörksens Gesräche mit dem Physiker Heinz von Foerster empfehlen: „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners.“ Da finden Sie eine Menge Wesentliches zum Thema, das man auch ganz prima auf die in weiten Teilen verdämlichte „Fake-News“-Debatte anwenden kann.

Edward T. Hall, Beyond Culture, New York 1976
Damit bewegen wir uns auch schon in die Richtung des größeren Kontextes – und in ein bedeutendes Defizit unserer kulturellen Tradition, nämlich Sprache und Denken voneinander zu trennen und bei alledem die Kulturgebundenheit unserer eigenen Begriffe aus den Augen zu verlieren. „Geist“ zum Beispiel und natürlich auch wieder „Wahrheit“, wird gern verwechselt auch mit den „Ergebnissen“ formaler Logik aristotelischer und sokratischer Tradition, was uns im Laufe unserer Geschichte in ein paar schlimme Sackgassen geführt hat. Mehr dazu gäbe es bei Edward T. Hall. Hall war Ethnologe. Als solcher wusste er, dass unser Wissen und unsere Begriffe, unsere Theoriegebäude und unsere kulturelle Praxis nicht der Weisheit letzter Schluss sind.

Martin, Thiering, Die Neo-Whorfian Theorie: Das Wiedererstarken des Linguistischen Relativitätsprinzips, in: Zeitschrift für Semiotik, Bd. 35, 2013
Zum Text im Kontext – und damit sind wir ganz nah am „Framing“ – kann uns auch die Kognitive Anthropologie eine Menge sagen. Nehmen wir Martin Thiering (TU Berlin und MPI Kunstrgeschichte), der als Herausgeber der Zeitschrift für Semiotik über „Die Neo-Whorfian Theorie: Das Wiedererstarken des Linguistischen Relativitätsprinzips“ zu berichten weiß.
Einer der Pioniere der kulturell eingebetteten Sprachbetrachtung ist Wilhelm von Humboldt, um den sich vor lauter Alexander-Hype kaum noch jemand kümmert.

Wilhelm von Humboldt: Über die Natur der Sprache im allgemeinen. Aus: Latium und Hellas. In: Schriften zur Sprache. Hrsg. von Michael Böhler. Ergänzte Ausgabe Stuttgart 1995, S. 7 f.

Was das alles mit Framing zu tun hat? Alles! All die hier aufgelisteten Dinge (unter vielen anderen) sind essentiell für das Verständnis von Sprache, ihrer Wirkung und ihrer immer noch völlig unterschätzten Macht. Wilhelm von Humboldt wusste schon mehr über das, was so manche Journalisten heute über ihr Handwerkszeug wissen sollten. Aber was ist schon Wilhelm von Humboldt anderes als eine „akademische Spielerei“. So oder ähnlich bezeichnete einer der sogenannten „Alphajournalisten“ des Öffentlich-Rechtlichen Fernsehens jegliche Kenntnis über Sprache, die er selbst nicht hat.

 

Zu guter Letzt:
https://netzpolitik.org/2019/wir-veroeffentlichen-das-framing-gutachten-der-ard/

Was das Gutachten selbst angeht: Offenbar hat Elisabeth Wehling in ihrer Zeit in den USA gelernt, Kunden zu infantilisieren. Es ist nur schwer zu fassen, dass erwachsene Menschen nicht bei den allerersten Sätzen aussteigen und Frau Wehling fragen: Wie reden Sie eigentlich mit uns? Schauen Sie rein.

Zur Erinnerung: In meinem Buch „Das Wort im Kopf“ habe ich auch Frau Wehling zitiert, aber eben auch alle die anderen – und etliche mehr.
Gibt’s hier.