Mein mit Abstand größter Favorit, ins Schreiben zu kommen, ist das Flanieren mit Notizbuch. Gehen Sie ein Stück. Alle Genies waren der Flanerie ergeben, erklärt uns der große Larousse in seinem großen Wörterbuch. Sie wollen Namen: Beethoven, Betrand Russel, Sherlock Holmes

Ins Schreiben kommen

Flanieren und schreiben

Die allmähliche Verfertigung der Gedanken ...

Susanne Weiss

Der irische Neurowissenschaftler Shane O’Mara weiß, dass unsere Denkfähigkeit durch nichts besser freigelassen wird als durch regelmäßiges Gehen. Also – so rät er uns – tauschen Sie den Muckibudendress gegen ein paar gute Schuhe aus und gehen Sie. Gehen heißt nicht Joggen. Das zerschrotet die Gelenke und schränkt den Blickwinkel stark ein.

O’Haras Berliner Kollege, der Kognitionswissenschaftler Arthur Jacobs, erklärt, warum Schreiben und Bewegung so enge Verwandte sind.


„Es ist unmöglich, ein Wort zu denken, ohne dass dies von physischen Aktivitäten begleitet wäre. Unsere auf Worten basierenden Gedanken sind automatisch mit den motorischen Abläufen für ihre Artikulation verbunden. Wieviel an Aktivität dabei wachgerufen wird, hängt weniger von der Komplexität der Gedanken ab, sondern davon, wieviel Bewegung ihre Bedeutung impliziert: eine Liste von aktiven Verben zu hören und zu lesen, produziert mehr potentielle Motorik als eine Liste von passiven Verben. Umgekehrt gilt: Auch wenn man nicht davon spricht, was man tut, sondern es einfach tut, wird das Sprachzentrum des Broca-Areals aktiviert – selbst dann, wenn man nur daran denkt, eine Bewegung auszuführen. Allein an einen Kiesel zu denken, bereitet uns schon darauf vor, die Hand auszustrecken, die Finger zu schließen und mit dem Arm auszuholen.“

Wahrnehmung, Sprache, Orientierung im Raum und die Fähigkeit, Konzepte zu begreifen, stehen neuropsychologisch in Verbindung.

Singapur
Also gehen Sie. Anbei ein Rat von Walter Benjamin, wenn Ihnen das Vertraute allzu vertraut erscheint und Sie sich fragen: Was soll ich denn da notieren?

Betrachtet die vertraute Umgebung so, als wäret Ihr gerade einem Boot aus Singapur entstiegen und hättet Eure Fußmatte und die Nachbarn noch nie zuvor gesehen.“

Das Notizbuch ist Ihr steter Begleiter, wohin Sie auch gehen. Der Singapur-Blick führt zuverlässig durch – scheinbar – vertrautes Terrain. Machen Sie sich Notizen zu allem und jedem, überall und so oft Sie können.

Wenn Sie Ihre Notizen später durchsehen, ist es möglich, dass Mysteriöses und Sonderbares Sie von ganz allein anblicken. Und wer weiß? Vielleicht ist da ja Stoff für eine Geschichte.