Ein neues Buch: „Das Wort im Kopf“

Nur Wörter?

Kommt ein Wort in den Kopf. Der Bibliothekar, ein alter Mann mit rutschender Brille auf der Nase und einem weiten dunklen Samtmantel, schlurft zum Lexikon. Das Lexikon ist riesig und sehr, sehr alt, der Ledereinband verschlissen. Mühsam wuchtet der Alte das Lexikon auf den Tisch seiner Studierstube und schlägt ächzend den dicken Folioband auf. Die Buchseiten sind ehrenvoll krakeliert. Der Bibliothekar hustet. Der Staub wirbelt in alle Richtungen. „Das Wort … Moment … das Wort … Das Wort heißt ‚Wort’“, sagt er „und ist … ein Wort. Es gibt noch einige Zusammensetzungen. Möchten Sie die auch noch wissen? Nein? Gut.“ Er schlägt das Lexikon wieder zu, mehr Staub wirbelt auf, der Alte hustet.

Die moderne Variante des Lexikons heißt Datenbank. Hier geht alles ein bisschen schneller als in der älteren Variante. Es ist auch nicht so staubig. Da liegt nun also unser Wort gespeichert mitsamt seiner genauen Bedeutung, das Wort an sich sozusagen, genau wie im alten Lexikon auch.

Das Problem ist nur: Wörter haben keine feste Bedeutung, jedenfalls nicht so, wie wir uns das immer vorstellen – obwohl unsere Sprech- und Schreibpraxis uns täglich eines Besseren belehren könnte. Das Lexikonkonzept würde voraussetzen, dass Wort und Ding in einer festen Beziehung miteinander lebten. Tun sie aber nicht. Lesen wir „Schale“ oder „Baum“ und sehen … eben! Wir sehen, was immer in unserem Gedächtnis zu diesen Wörtern liegt, kombiniert mit der aktuellen Situation, ergänzt durch in vielen Jahren erworbene Beiklänge dieser Wörter.

„Ein Wort im Kopf zu haben, heißt nicht nur, es in seinem grammatischen und syntaktischen Kontext zu sehen: Für das Gehirn ist es vielmehr ein Stichwort für alle damit verbundnen Assoziationen“, erklärt der Kognitionswissenschaftler Arthur Jacobs.

Mit anderen Worten: Wörter haben unscharfe Ränder. Die genaue Bedeutung eines Wortes muss im Gehirn in jedem neuen Kontext neu konstruiert oder rekonstruiert werden. Beim Lesen gleicht das Gehirn Bekanntes mit Unbekanntem ab, sucht und findet Strukturen, erinnert sich an Bewegungen, Gerüche oder Klänge, bewertet das Gelesene und weist dann Bedeutung zu, je nach Erfahrungshintergrund.

Wörtlichkeit ist immer die Ausnahme.

Aus dem Vorwort von
Susanne Weiss:
Das Wort im Kopf. Die unterschätzte Macht der Sprache
Reihe: Wortwandel-Schreibwerkstatt Wissen Kompakt
Wortwandel Verlag, 2019

Aus dem Inhalt:
Einleitung – Nur Wörter?
1 | Unschärfe, wortwörtlich
2 | Das Geplapper der Wirklichkeit
3 | Ungefärbt ist Vernunft auch nur ein Wort
4 | Maschinenfreie virtuelle Realität
5 | Frames und andere Manipulationsversuche
6 | Kultur und Kontext
7 | Gut schreiben. Besser denken.

Hier kaufen