Der Blick in mittlere Entfernung, die Augenbrauen zusammengezogen, den Stift an den Lippen. So saßen sie da. Ich sehe sie noch vor mir. Was hatte die Frau da gesagt? Sie sollen verständlich schreiben? Gut und schön. Aber (jetzt der Blick gen Himmel) – ist das dann noch wissenschaftlich?

Ins Schreiben kommen

Der geheime Zensor und die Sache mit der Zielgruppe

Wissen Sie genau, für wen Sie schreiben?

Susanne Weiss

Viele dutzend Male habe ich es erlebt. Habe versucht, ihnen die Arbeit zu erleichtern. Ihnen vermittelt, dass Schreiben mehr mit Handwerk als mit Talent zu tun hat. Ich zeigte ihnen, wie man klare und verständliche Texte schreiben kann. Die Rede ist von Nachwuchswissenschaftlern, Doktorandinnen und anderen (nicht leitenden) Beschäftigten des Wissenschaftsbetriebs.
Was nach so einer Scheibwerkstatt geschieht, ist sattsam bekannt. Die Teilnehmer müssen zurück zu ihren akademischen Lehrern oder Chefs, die – einer Mode oder einer Aufforderung der Förderer folgend – ihre Leute selbst in den Kurs schickten. Tatsächlich ist die Schreibwerkstatt für sie aber nichts weiter als so eine Art Kosmetikbehandlung. Wahre Brillanz braucht sowas nicht, denken sie (womit sie, wissenschaftlich gesehen, total schief liegen) und ist selbstredend in Ansprache und Haltung unverständlich. Sprache und Denken lassen sich aber nun einmal nicht trennen. Aber mit dieser Erkenntnis wollen die Geisteshelden nichts zu tun haben. Sie bevorzugen die Genieästhetik der Romantik.

siehe auch:
Susanne Weiss. Das Wort im Kopf. Die unterschätzte Macht der Sprache.

Das Dilemma

Menschen, die ihr solides Erfahrungswissen mit anderen teilen möchten, haben selten nennenswerte Probleme, die richtige Ansprache zu wählen. Aber auch in Organisationen, Forschungseinrichtungen oder Unternehmen wird jede Menge nützliches Wissen produziert, das sich gern einen Weg in die Welt suchen möchte.

Und da gibt es ein Problem. Es sind sind nämlich häufig die romantischen Genies, die über Wohl und Wehe akademischer Karrieren befinden und für die „Populärwissenschaft“ etwas ganz und gar Ehrenrühriges ist. In Unternehmen und Bürokratien gibt es ganz ähnliche Erscheinungen. Gute Sprache ist nicht, was die Sprachprofis sagen. Gute Sprache ist, was der Chef sagt.

Jeder anständige Autor muss auf jeder nur denkbaren Stufe sein Publikum respektieren und darf ihm darum nur das subjektiv Beste vom Besten bieten.
Kurt Tucholsky

Was tun?

Dieses Dilemma kann dazu führen, dass Sie das Buch, auf das wir alle warten, niemals schreiben. Tun Sie uns das nicht an!
Fassen Sie Mut!

Schütteln Sie sich die Hinweise Ihrer akademischen Lehrer, Vorgesetzten, Chefs etc., wie „man“ schreibt, aus den Kleidern.

Machen Sie sich bewusst, dass der Wunsch, für eine andere Zielgruppe zu schreiben als für die „Community“ nicht abstrakt bleiben darf.

Für Leute, die Sie sich nicht konkret vorstellen können, können Sie nicht schreiben. Wer also sollen Ihre Leser sein? Wie leben sie? Wie alt sind sie? Welche Art Bildung besitzen sie? Welche Leseerfahrung können Sie voraussetzen? Gehen Sie weiter in die Details. Lassen Sie den „interessierten Laien“ in der Schublade. Verlage werden Ihnen und Ihrem „Laien“ die kalte Schulter zeigen.

Ein Sachbuch zu schreiben, ist wesentlich schwieriger als ein Fachbuch zu schreiben, so viel Ihre „Peers“ Ihnen auch etwas anderes einreden wollen. Schreiben für ein anderes Publikum als für die eigene interne Leserschaft ist eine anspruchsvolle intellektuelle Transferleistung. Es in der eigenen Fachsprache für ein eng sozialisiertes Publikum zu tun, ist hingegen keine Kunst.

Leser möchten informiert, nicht belehrt werden. Verjagen Sie also den akademischen Zensor, der Ihnen auf der Schulter sitzt und widmen sich ganz und gar Ihrem neuen Publikum.

Vielleicht hilft Ihnen die Vorstellung, dass alle Menschen auf fast allen Gebieten Laien sind. Deshalb möchten sie nicht wie Kinder angesprochen werden.

So besser nicht

Ein geradezu abenteuerliches Beispiel fehlenden Respekts vor einer erwachsenen Leserschaft stammt ausgerechnet aus der „Wissenschaftskommunikation“. Marc-Denis Weitze („Wissenschaftskommunikator“ an der TU München) und Wolfgang M. Heckl (Generaldirektor des Deutschen Museums in München) nannten ihren Titel ebenso: „Wissenschaftskommunikation – Schlüsselideen, Akteure, Fallbeispiele“ und ist 2016 erschienen. Dort erfahren wir, dass die meisten von uns an „Fehlvorstellungen“ leiden, die – kein Witz! – bis zur Magiegläubigkeit reichen können.

Zucker löst sich in Wasser auf, die Glühbirne brennt, ein Pullover hält warm: Selbst scheinbar harmlose Beschreibungen bergen Missverständnisse in sich: Für Naturwissenschaftler mag klar sein, was gemeint ist, aber ‚Nichteingeweihte’ machen sich Gedanken: Ist Magie im Spiel, wenn der Zucker verschwindet (aber der Geschmack noch bleibt)? Was verbrennt eigentlich in der Glühbirne?!“ –

Freundlicherweise erklären Sie uns ihr Konzept „Fehlvorstellungen“:

„Als Fehlvorstellungen („misconceptions“) bezeichnet man jene Ideen, die etwa durch Redeweisen (z.B. „die Lampe brennt“) oder Alltagserfahrungen entstehen, jedoch nicht mit den Konzepten der Wissenschaft übereinstimmen.“

(Was die Konzepte der Wissenschaft angeht: Ich halte mich da lieber an den Physiker Heinz von Foerster. „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“.
Heinz von Foerster, Bernhard Pörksen: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker. Heidelberg 1998)