Ich warte. Geduldig warte ich. Seit so vielen Jahren im Beruf. Vielleicht habe ich einmal Glück. Ich warte immer noch auf die Person, der beim Schreiben kein einziges Monster begegnet ist (oder zumindest ein kleiner Schweinehund). Es gibt immer nur die, die so tun, als sei das noch nie passiert.

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Der Weltbestseller

Eine zuverlässige Schreibblockade

Susanne Weiss

 

Eines der besonders fiesen Monster, die beim Schreiben gern Spalier stehen, will Sie bei Ihrem Größenwahn packen. Oh nein. Es ist nicht ehrenrührig, sich gelegentlich großen Träumen hinzugeben. Sie können, sofern sie richtig portioniert und schließlich geerdet werden, ein großes Ziel markieren, das zu erreichen sich immer lohnt: Ich schreibe jetzt ein gutes Buch. Dabei müssen wir uns selbstverständlich dann und wann nach der Decke strecken – wobei wir besser nicht ganz die Bodenhaftung verlieren.

Doch dann …

Das Monster. Mit säuselndem Gerede kommt es um die Ecke: „Warum so bescheiden? Handwerk ist was für Idioten. Du bist mehr! Übrigens, mein Name ist Größenwahn, und Dein Buch wird aus dem Stand der Weltbestseller, auf den die Menschheit gewartet hat.“ Größenwahn zieht kokett seinen schwarzen Umhang vors Gesicht und raunt: „Oder lass es …“

Das Sendungsbewusstsein entflammt, reckt sich in die Höhe, brüllt einmal laut und erlischt beim ersten Kontakt mit der Wirklichkeit des Schreibens.
Wie haben denn die Großen ihre Bücher geschrieben, ihre unvergleichlichen, unvergänglichen Meisterwerke? Nun, so jedenfalls nicht.

Die Wahrheit heißt: 10 Prozent Geheimnis, 90 Prozent Handwerk.

Versuchen Sie erst gar nicht, gegen die Matadorinnen und Matadore der Literatur anzuschreiben. Schreiben Sie Ihr Buch. Es soll gut sein, nicht langweilen und das Publikum erfreuen. So taten es die Großen, als sie begannen. So sollten Sie es auch tun.

Überlegen Sie gut, was Sie schreiben wollen und für wen Sie es schreiben wollen. Lassen Sie sich Zeit damit. Gehen Sie in sich. Gehen Sie raus an die frische Luft, atmen Sie tief durch und schreiben Sie Gedanken und Überlegungen in das Notizbuch, das Sie von jetzt an immer dabei haben. „Schreiben“ Sie lieber nicht mit dem Telefon. Leonardo da Vinci war nicht so genial, weil er sich die Schreibarbeit hat abnehmen lassen. 

Dann fangen Sie an.
Schreiben Sie. Nicht nächste Woche. Jetzt. Lesen Sie viel. Und schreiben Sie. „Um diese beiden Dinge kommen Sie nicht herum, nicht dass ich wüsste“, weiß Stephen King. „Da gibt’s keine Abkürzung.“

Mit anderen Worten: Das Monster Weltbestseller aus dem Stand ist die todsicherste aller todsicheren Methoden, die Schreibblockade auf Dauer zu stellen. Sie können es ausprobieren. Setzen Sie sich hin und beschließen, jetzt sofort etwas absolut Geniales zu schreiben.

P.S. Es gibt natürlich auch diejenigen, die dem Größenwahn erliegen und trotzdem schreiben. Was schert mich das Handwerk? Ich bin ein Künstler. Außerdem ist der Planet ohne meine goldenen Worte ein armseliger Gesteinsbrocken im Weltall. 
Das sind dann die Bücher, die niemand liest.

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